Direkt zur Hauptnavigation springen Direkt zum Inhalt springen Jump to sub navigation

Die Kraft aus der Tiefe - Neue Haus-Andachten für Menschen unserer Gemeinde...

Von März bis August verteilte eine treue Schar von Menschenkindern zwischen 11 und 80 Jahren wöchentlich bis zu 140 Andachten an Menschen unserer einen Kirchengemeinde. Die treue Schar erfreute zu Ostern mit einem Ostergottesdienst aus unserer Hillentruper Kirche auf CD und 200 Osterkerzen. Im Zusammenhang der steigenden Coronazahlen wurde mir in den letzten Tagen von sehr unterschiedlichen Menschen unserer Gemeinde das Folgende erzählt:
"Die Tage war es so früh dunkel. Man weiß ja jetzt gar nicht, was kommt. Da habe ich mir die Wochenandachten wieder vorgenommen. Ich habe sie alle noch und immer wieder finde ich etwas darin, was mich tröstet und alles ein bisschen heller macht."
Gedanken, die aus der Tiefe kommen, rühren Menschen an, sie faszinieren und beschenken immer wieder neu. Sie sind eben nicht mit einem Lesen "abgefrühstückt". Sie wollen Begleiter sein, spirituelle Prozesse anregen, sie wollen inspirieren und ein Stück des eigenen Wachsens mitgehen. Als solche sind sie gedacht und als solche werden sie wahrgenommen. Das ist mein Eindruck in diesen Tagen. Wo Menschen die Kraft aus der Tiefe spüren, beginnen sie, ihr nachzusuchen. Genau dies scheint derzeitig zu passieren. Eine Dame sagte mir gestern:
"Den Hillentruper Osterfilm habe ich mir die Tage zum vierten Mal angeschaut."
Es wird also ab dem 1. November wieder neue Andachten geben, zunächst monatlich. Sollten wir unsere Gottesdienste bis Ende November wieder einstellen müssen, werden wir überlegen, unseren Rhythmus zu forcieren.

Falls Sie uns unterstützen möchten oder Menschen kennen, die sich über eine "Kraft aus der Tiefe" freuen, dann lassen Sie es uns wissen.
Seien Sie behütet, bleiben Sie gesund. Und so grüße ich Sie auch im Namen meines Kollegen Pfr. Stephan Schmidtpeter, Ihre P. Sabine Hartung.

Von wahren Autoritäten, oder: Eine Fabel, die es in sich hat...

Gedanken zu Richter 9,8-15

Monatsandacht November 2020

Himmelsantwort...
Vor einiger Zeit stellte ich dem Himmel ein paar Fragen und bekam nach einigen Tagen und Nächten eine interessante Antwort. Auf Umwegen wurde ich auf eine Fabel aus dem Richterbuch gestoßen. Diese Fabel gehört zu den altorientalischen Baumfabeln.

Baumfabeln...
Altorientalische Baumfabeln lassen Bäume sprechen, wie Menschen. Sie wurden im Zusammenhang mit der Wahl eines Königs erzählt, wenn der alte König verstorben oder abgesetzt worden war. Die Fabeln kamen aus den mittleren Reihen des Hofes von denen, die weder gewählt werden konnten, noch wählen durften und mittels der Fabeln gaben genau diese Menschen den Wahlberechtigten Hinweise darauf, wen sie aufgrund ihres eigenen Insiderwissens für den geeignetsten Kandidaten hielten. Die Baumfabeln waren also ursprünglich systemstabilisierend, indem sie Hinweise auf einen aus ihrer Sicht geeigneten Königskandidaten gaben. Sie stellten das Königtum grundsätzlich erst einmal nicht in Frage.

Eine besondere Baumfabel...
Mit der Fabel, auf die ich die Tage gestoßen wurde, verhält es sich anders. Diese Fabel stellt das Königtum/die Autorität in ihren Grundfesten in Frage und stellt eine eigene Definition einer gottgewollten Autorität daneben. Diese Fabel hat es in sich. In den Predigtreihen der großen Kirchen ist sie nicht zu finden. Und auch in der Predigtdatenbank der theologischen Fakultät Tübingen mit über 10000 Predigten gibt es nicht eine einzige Predigt zu ihr. Kaiser Wilhelm II von Preußen verbot es seinerzeit, die Fabel zu erzählen oder über sie zu sprechen. Dies mag daran liegen, dass jede(r), der oder die diese Fabel erzählt, zur Familie der Aufbegehrenden“ gezählt wurde/wird.

Die Sehnsucht der Bäume nach einem, der sie leitet und führt..
Die Fabel geht so: Die Bäume gehen hin, einen König zu salben, der über sie herrschen soll. Sie sprechen zum Ölbaum: „Sei König über uns!“. Der Ölbaum antwortet mit einer Frage. Fragen fördern das eigenständige Denken, sie regen das Gegenüber zum Nachdenken an. Indem der Erzähler dieses Stilmittel einsetzt, entspricht er literarisch eins zu eins dem autoritätskritischen Charakter der Fabel. Stilmittel und Aussage der Fabel sind deckungsgleich. Die Fabel ist in Form und Inhalt ein Guss und damit in sich stimmig. Darum entwickelt sie eine so ungeheure Kraft, die sie auf den Punkt fokussiert.

Der Preis ist zu hoch: Die Antworten der Fruchtbäume...
Der Ölbaum antwortet auf die Aufforderung der Bäume: „Soll ich meine Fettigkeit aufgeben, die Götter und Menschen erfreut, und hingehen, um über den Bäumen zu taumeln?“ Der Ölbaum stellt mit dieser Frage klar: Würde er sich zum König salben lassen, dann würde er aus seiner Sicht das hohe Gut seiner nährenden und stärkenden und heilenden Frucht (Oliven, Öl) aufgeben. Er wäre damit nicht mehr er selbst. Und das wäre für ihn kein Gewinn und auch kein Zustand, aus dem heraus es sich für ihn lohnen würde, König zu sein. Er würde seine Verwurzelung verlieren, seinen Halt in der Erde. Er würde seine Anbindung verlieren an das, was ihm Kraft gibt und die Ausbildung seiner Früchte ja gerade erst möglich macht. Mit dieser verwurzelten Anbindung spielt die Fabel auf die Verwurzelung der Autorität in Gott an: „Wohl dem Menschen, der sich an Gott hält, der ist wie ein Baum, tief verwurzelt an Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit und alles, was er macht gerät wohl.“ (Psalm 1,1). Ein Baum, der haltlos in den Lüften taumelt und torkelt, kann keine Frucht mehr bringen. Eine Autorität dieser Qualität ist nichts, was dem Ölbaum attraktiv erscheint und was er anstrebt. Und so fragen die Bäume den Feigenbaum und den Weinstock. Feigenbaum und Weinstock antworten mit derselben Frage, wie der Ölbaum. Der Feigenbaum möchte seine Süße nicht preisgeben, der Weinstock nicht die Stärke und Kraft in seinen Trauben. Die drei großen altorientalischen Fruchtbäume Ölbaum, Feigenbaum und Weinstock lehnen alle drei dankend ab. Der Preis ist ihnen zu hoch. Sie möchten nähren, stärken, heilen und erfreuen mit ihren Früchten und nicht haltlos und entleert Autorität sein.

Die Antworten des Dornbusches...
Und so fragen die Bäume den Dornbusch. Der Dornbusch gehört nicht zu den Fruchtbäumen, im Gegenteil, er trägt keine Früchte, er trägt Dornen, 10 bis 12 cm lang. Und diese Dornen haben es in sich. Sie verletzen und zerstören. Der Dornbusch wird auch nicht besonders hoch, einen Meter, vielleicht etwas höher. Auch der Dornbusch antwortet. Und diese Antwort enthält eine dreifache Strategie: Zunächst stellt auch der Dornbusch eine Frage: „Wollt Ihr wirklich mich zum König machen? Überlegt Euch das gut...“ Mit dieser genialen Frage nimmt der Dornbusch eine mögliche Kritik an sich vorweg, er räumt schon im Vorfeld aus, dass er eigentlich gar nicht geeignet ist, König zu sein. Mittels der Infragestellung seiner selbst heizt er die an, die ihn gerne zum König hätten, und lenkt den Blick von seiner Gefährlichkeit ab. Er äußert einen Zweifel, hinter dem schon längst eine weitere Strategie steckt. Sein Zweifel ist nicht echt, er gehört zu seinem Spiel. Auf diesem sehr geschickt-genialen Weg installiert der Dornbusch seine zweite Strategie: Er wirbt: „Kommt, bergt Euch in meinem Schatten.“ Ein Dornbusch gibt so gut wie keinen Schatten. Der Dornbusch ist viel zu klein, um Schatten zu spenden bei senkrecht stehender Sonne. Das werden die Bäume erst merken, wenn der Dornbusch wirklich König ist. Einem anderen Schatten zu spenden, das ist in der sengenden Hitze des Orient eine der zärtlichsten Zuwendungen überhaupt. Schatten spendet Schutz vor dem Hitzetodes. Eine wahre Autorität vermag Schutz zu geben vor todbringenden Einflüssen. Der Dornbusch ist dazu nicht in der Lage, wirbt jedoch damit. Er wird nicht halten können, was er verspricht. Und das weiß er schon jetzt. Seine Nähe wird eine verletzende Nähe sein, die andere in seinen Schatten zwingt. An einen Dornbusch kann man sich nicht anschmiegen. Doch eben dies ist die Sehnsucht der Bäume. Wenn es darauf ankommt, werden die Worte des Dornbusches nur leere Worte gewesen sein. Dann wird es für die Bäume zu spät sein und der Dornbusch wird von seinen Versprechungen nichts mehr wissen. Er wird sagen: „Ich habe euch gewarnt und gefragt, Ihr habt es so gewollt.“ Auf die lockende Werbung folgt als die dritte Strategie die Drohung. „Wenn Ihr Euch nicht in meine verletzende und enge Nähe begebt, wenn ihr nicht schön dort bleibt, dann passt auf! Nehmt Euch in Acht. Dann werde ich mich selbst entzünden und einen so rasenden Steppenbrand in Gang setzten, dass die Zedern des Libanon brennen.“ Die Zedern des Libanon sind das stabilste und härteste Baumaterial, welches der alte Orient kannte. Sie sind das duftende, für Schädlinge wie Würmer unangreifbare Fundament, der Grund. Wer diesen Grund mit einem Mal zerstört, zerstört eine ganze Kultur.

Demaskierung der drohenden und zerstörerischen Autorität...
Geschicktes Kaschieren der eigenen Strategien mittels des strategischen Zweifels, lockende Werbung und Drohung: Die Fabel entlarvt und demaskiert die aus biblischer Sicht falsche Autorität in ihren drei Strategien, ihrem zerstörerischen Wesen und ihrer Gefährlichkeit. Wer sich der zerstörerischen Autorität nicht unterwirft, wird verbrannt. Die Fabel stellt die aus ihrer Sichtung göttlich gewollte und geliebte (!) Autorität daneben. Diese wird symbolisiert durch die drei großen Fruchtbäume. Die Autorität der Fruchtbäume besteht in ihren Früchten, in dem, was sie weitergeben, wovon andere profitieren. Die Autorität der Bäume liegt in dem, womit sie andere ernähren (Fett), stärken (Öl, Wein), heilen (Öl, Wein) und erfreuen (Süße. Es gab im alten Orient keinen Zucker. Zum Süßen kam nur Honig oder die Feige in Frage).
Die Autorität der Fruchtbäume ist keine Autorität des Drohen, Raffen, der Habgier und des Kleinhalten (Bleib schön in meinem verletzenden Schatten! Wag Dich da ja nicht raus! Unterstehe Dich, über mich hinauszuwachsen!), sondern des Geben, Starkmachen, Erfreuen und Heilen. Die Fabel sagt: Gott möchte diese Art von Autorität in allen Bereichen des Lebens, auch im politischen Bereich. Eine Autorität von der Art des Dornbusches mit den Strategien „Strategischer Zweifel“, „anbindende Verführung“ und Drohung ist keine Autorität, die sich auf Gott berufen kann und darf.

Gesunde Autoritäten aus biblischer Sicht...
Die Fabel stellt noch etwas vor Augen: Autoritäten, die sich wurzelnd in Gott auf ihre Früchte berufen und aufgrund ihrer Früchte als nährende Autoritäten wahrgenommen und ohne Zwang aufgesucht werden, ahnen den „Leerlauf“, der mit bestimmten Posten verbunden ist und sind auf fruchtlose Formen der Herrschaft nicht mehr scharf.

Die Frage nach dem eigenen Standpunkt...
Was nun halten wir von dieser Fabel? Pflichten wir ihr bei und möchten wir sie sofort weitererzählen? Oder gehören wir zu denjenigen, die laut rufen: Ja aber... und sie am liebsten verbergen? Ich meine: Unsere eigene Antwort sagt etwas darüber aus, wes Geistes Kinder wir sind.

Dürsten nach Gerechtigkeit und drei gute Fragen...
Die Fabel gibt jenen, die nach Gerechtigkeit dürsten, drei Fragen mit auf den Weg, anhand derer sie die ihnen überstellten Autoritäten prüfen können. Darin erweist sich die Fabel als genial, sie schlägt die Strategie des Dornbusches sozusagen mit seinen eigenen Waffen:

Erstens: Äußern die Autoritäten einen gespielten Zweifel, obwohl sie die Strategien ihres weiteren Vorgehens schon längst vor Augen haben (Strategischer Zweifel)?
Zweitens: Werben die Autoritäten mit Versprechungen, die sie nicht halten können oder werden? Locken sie mit etwas, was ihnen gar nicht innewohnt und/oder was sie gar nicht vorhaben, zu erfüllen?
Drittens: Beginnen die Autoritäten zu drohen, wenn sie merken, dass die in ihren dornig-engen Schatten Gedrängten aufmüpfig und kritisch werden?

Nun ist es zuweilen schwierig, zu durchschauen, ob eine Autorität Früchte bringt, ob sie wirklich nährt, heilt, stärkt und erfreut. Vor allem die erste und zweite Frage sind oft erst im Nachhinein zu beantworten, nämlich dann, wenn ein Dornbusch im übertragenen Sinne bereits zum König gesalbt ist. An Frage drei jedoch lässt sich unschwer erkennen, wes Geistes Kind eine Autorität ist. Sobald eine Drohung ins Spiel kommt, ist die dornig verletzende und gefährliche Enge im Schatten des Dornbusches nicht weit. Spätestens daran erkennen auch wir, an wen wir geraten sind.

Eine Fabel von messianischer Qualität...
In einer wie ich finde sehr schönen Auslegung wurde diese Fabel beschrieben als eine Fabel mit „messianischer Qualität“. Wenn man dieser Fabel glaubt (Sie beschreibt die Strategien der narzisstischen Autorität wirklich treffend!), dann darf nach dem Willen Gottes kein Dornbusch-König mehr kommen. Diese Art der Könige ist entlarvt. Die Dornbusch-Könige sollen keine Zukunft haben. Vermutlich entstand aus dieser brennenden und gerechtigkeitsliebenden Sehnsucht die Hoffnung auf einen König, auf einen Gesalbten, der von anderer Art ist, als die (narzisstisch) Herrschenden. Vermutlich entstand aus dieser Sehnsucht heraus die Hoffnung auf einen König, der nährt und heilt und stärkt und erfreut, reitend auf einem Esel wie seinesgleichen, ein Freund derer, die sich bisher immer in den verletzenden Schatten anderer hineinquetschen lassen mussten. Kleingehalten und bedroht. Wenn diese Fabel zu diesen Hoffnungen  angeregt hätte, dann hätte sie wirklich ein messianisches Format. Und sie hätte für uns die Qualität einer Gesellschafts- und auch einer „Kirchenanalyse“, die aus dem Heiligen Geist kommt. Als solche lese ich sie. Von einer solchen lerne ich.

Humfeld, den 28. Oktober 2020 Pn. Sabine Hartung

Monatsspruch für den Monat Oktober

„Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe lassen wegführen,
und betet für sie zum HERRN;
denn wenn‘s ihr wohl geht, so geht‘s auch euch wohl.“ 
(Jeremia 29,7)

 

Der Prophet Jeremia erhebt das Wort. Gemeinsam mit tausenden von Verbannten aus der Oberschicht, von den MitarbeiterInnen des Tempels, mit Priestern, hohen Beamten und Gebildeten musste er Jerusalem verlassen. Die Großmacht Babylon hat das kleine Land Israel verschlungen und Jerusalem dem Erdboden gleich gemacht. Der Tempel ist zerstört, die Mauern der Stadt sind geschleift, die Weinberge zertrampelt und die Gärten zerwühlt. Die Ölbäume brennen. Nichts ist mehr, wie es einmal war. Jeremia hat es vorausgesagt. Hat versucht, an Gott zu erinnern. Hat versucht, vor den falschen Koalitionen zu warnen und in aller Hoffnungslosigkeit zu einer Haltung zu verhelfen, die die Besetzung nicht verhindert, wohl aber die ganz kleine Chance in sich birgt, das Ausmaß der Zerstörung in menschenerträglichen Maßen zu halten. Jeremia wurde nicht gehört. Wie so viele nach ihm wurde er nicht erhört. Weil unbequem war, was er zu sagen hatte. Weil es Entscheidungen erfordert hätte gegen die eigene Bequemlichkeit und den eigenen Vorteil. Weil es gerade und aufrechte Menschen erfordert hätte, Menschen, die fest stehen zu dem, was das große Ganze nährt. Jeremia. Nun teilt er sein Schicksal mit denen, die ihn nicht hören wollten. Und wieder spricht er zu ihnen. Was für ein Mann. Er hätte lange schon allen Grund, zu schweigen. Jeremia spricht. Er kann nicht anders. Schweigt er von Gott, so ist ihm, als verbrenne sein Innerstes (Jeremia 20,9). Das kennt er von sich. Darum MUSS er reden. Er hat sie schreien gehört, die verbitterten und mutlosen Herzen derer, die mit ihm in die Fremde ziehen mussten. Verbitterung. Verunsicherung. Schmerz. Und in all dem die Hoffnung, dass einer zurechtrückt, was sie so chancenlos traf.
Nein, es geht nicht immer so zu, wie wir es uns erdacht haben, nicht für diejenigen, die mit uns leben und auch nicht für uns selbst. Zuweilen müssen wir uns arrangieren mit Umständen, die wir nicht zu verantworten haben, die sich ergeben aus den Verantwortlichkeiten anderer, die uns ereilen. Wir geraten hinein, weil Umstände sich ändern, weil Menschen kommen und gehen, weil Konstellationen, Allianzen und Koalitionen, weil Machtverhältnisse und Loyalitäten sich mit dem Wind drehen und verfärben. So hat es das kleine Volk Israel erlebt. Immer wieder wurde es zu einem Spielball der Mächtigen, hin und hergeworfen zwischen den Interessen der Großmächte, einmal der Joker als ein begehrter Koalitionspartner, und dann schon wieder der Schwarze Peter und Schuld an allem. Einmal interessant für einen der großen Nachbar-Könige und im nächsten Augenblick schon wieder fallengelassen und im Weg, hilflos bespielt durch die, die ihre Richtung ständig nach ihren Vorteilen ändern. Das kleine Land Israel weiß darum, was es heißt, zu einem Spielball zu werden, ohnmächtig aushalten zu müssen, was doch nicht zu ändern ist. 
Priester, Gelehrte und Menschen mit Weisheit und Bildung abgespalten und isoliert, um den Widerstand des kleinen Landes zu brechen, um seine Schönheit zu zerstören, um es als eine der großen militärischen Durchgangsstraßen von Nord nach Süd verfügen zu können und seinen Wiederaufbau zu verhindern. Die Weggeführten vermissen ihre Lieder. Ihnen ist das Liebste genommen. Ihre Herzen trauern um das Verlorene, trauern um die Schönheit der heiligen Stadt und ihrer Gottesdienste. Sehnsuchtsvoll leiden sie in der Fremde als Fremde in einer fremden Stadt. Für eine Zeit können sie nicht mehr singen. Und so hängen sie ihre Harfen in die Bäume. In dieser Zeit entsteht ein Lied tiefster Klage. Und es schwenkt anders als fast alle anderen Psalmen nicht in einem Stimmungswechsel zu Lob, Dank und Zuversicht um, nein. Es bleibt stecken in seiner Hilflosigkeit, in seiner Bitterkeit und mündet zuletzt in die Bitte um ein Zurechtrücken des erfahrenen Unrechts durch Gott selbst:

„An den Flüssen Babylons saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. Unsere Harfen hingen wir in die Weiden. Wir mochten zu unseren Liedern nicht mehr auf ihnen spielen. (...) Wie sollten wir des HERRn Lied singen in fremden Landen? Jerusalem, wenn ich dich je vergesse, soll meine rechte Hand verdorren. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wo ich aufhöre, an dich zu denken, wenn ich irgendetwas lieber habe als dich, Jerusalem. (...) Gott segne den, der dir, Babylon, heimzahlt, was du uns angetan hast. “ (Psalm 137, 1+2.5+6.8b)

Oh, wie gut können wir sie verstehen, diese Bitte um ein Zurechtrücken unrechter und gewaltsamer Verhältnisse. Jeremia ist der Letzte, der das nicht nachvollziehen könnte. Die menschliche Seele braucht die Klage, die Hoffnung auf ein Gericht, das uns ins rechte Licht rückt, wenn unsere Würde verletzt wurde, wir brauchen diesen Gedanken. Jeremia weiß, dass das so ist und er weiß auch: Wir brauchen den Gedanken des Gerichts als einen Gedanken der Hoffnung auf Heilung und nicht als einen Gedanken der weiteren Zerstörung, auch wenn der Gedanke der Rache menschlich noch so nachvollziehbar ist. Eine Klage in der Fremde. Ja, es kann auch uns passieren, dass wir uns dort, wo wir einst zuhause waren, plötzlich wie Fremde fühlen. Handlungsunfähig gemacht. Ausgebremst. Wie fremd in einem fremden Land. Wir werden Opfer einer größeren Macht, fühlen uns ohnmächtig ausgeliefert an Umstände, denen wir wenig entgegenzusetzen haben, verlieren ein Stück von dem, was uns vertraut ist, was wir lieben, was selbstverständlich zu unserem Leben gehört. Und plötzlich sind wir ganz weit weg von dem, was uns so selbstverständlich war, weit weg von unseren Schönheiten, in Umständen gebunden, die wir so nicht auf uns zukommen sahen, weit weg von dem, was wir liebgewonnen haben, was uns vertraut ist, was zu unserer Identität gehört, auch zu unserer Identität im Glauben. 
Viele von uns haben das so erlebt, als wir am 13. März dieses Jahres unsere Kirchentüren verschließen mussten und erst am 10. Mai unsere Gottesdienste unter Einschränkungen wieder aufnehmen konnten. Wir haben unser Bestes gegeben, um mit den gegebenen Umständen umzugehen. In unserem Gemeindebrief können Sie, könnt Ihr etwas davon lesen und schauen. Ja, auch wir mussten in gewisser Weise unsere Harfen in die Bäume hängen und noch immer durften wir nicht zu unserem Gemeindegesang zurückkehren. Er fehlt uns. Unsere Lieder bleiben uns im Halse stecken, manch eine Stimme ist brüchiger geworden in den letzten Monaten, unsere Chöre nehmen zaghaft ihre Proben unter den gegebenen Vorgaben wieder auf. Wir sorgen uns. Um den Fortbestand unseres älter werdenden Kirchenchores. In diesem Jahr hätte er sein 75 jähriges Bestehen festlich begehen wollen. Jetzt scheint es, als habe er keine Lieder mehr. Der Prophet Jeremia nimmt die Trauer, die Bitterkeit, die Resignation und den Schmerz in den Klagen seiner Landsleute auf und dann tut er etwas sehr seelsorgerliches, etwas, was ihm vermutlich seine letzte Kraft gekostet hat. Jeremias Spuren, sie verlieren sich im babylonischen Exil. Seine Worte geben Kraft bis heute. Jeremia verweist die Hoffnungs-Entraubten in Babylon auf ihre noch verbliebenen Möglichkeiten: 
„Ihr dürft heiraten und Kinder bekommen, ihr dürft arbeiten und Euch bilden, Ihr dürft Häuser bauen und Gärten pflanzen. Ja, ich weiß, das alles ist NICHT Jerusalem. Ihr dürft euch versammeln und beten und singen und den Sabbat heiligen. Ja, ich weiß, das ist nicht Jerusalem und auch nicht das Feiern im Tempel. Und: Das alles ist da.“ (Je- remi- ja 29,2-6)
Das alles ist da. Jeremia lenkt den Blick der Verbannten auf ihre Chancen. Er weiß: Das ist ihr einziger Weg, in Bewegung zu kommen, in Bewegung zu bleiben, anstatt in Resignation zu erstarren. Ich habe oft an Jeremia denken müssen in den letzten Monaten. Und ich finde uns als Gemeinde wieder in seinen mutmachenden Worten. Wir haben der Stadt Bestes gesucht. Wir haben uns arrangiert. Wir haben überlegt, wie wir Dinge gestalten können, wichtige Dinge, sehr wichtige Dinge, wie zum Beispiel den Abschied von Ehepaar Herrmann oder das Dankeschön an die Andachtenausträgerinnen, unseren Kirchlichen Unterricht, die Angebote unserer offenen Jugendarbeit, den KiGoDi und auch unsere Konfirmationen. Wir haben gemeinsam nach Lösungen gesucht und Wege gefunden. Nein, das alles war und ist noch immer nicht so, wie wir es kennen und uns gewohnt ist. Es liegt an uns, ob wir unseren Blick auf Chancen und Möglichkeiten richten, oder ob wir an allem etwas auszusetzen haben und uns zurückziehen und verlieren in der Klage darüber, was nicht so ist, wie wir es gerne hätten. „Suchet der Stadt Bestes.“ Jeremia war ein kluger Gottesmann. Er hat seinen Landsleuten noch etwas geraten: „Betet für Babylon. Wenn es Babylon gut geht, dann geht es Euch IN Babylon gut, so gut, wie es eben geht in der Fremde. Nehmt das. Verspielt es nicht. Tut es für Euch.“ Jeremia fordert seinen Landsleuten einen Paradigmenwechsel ab. Einen Wechsel der Blickrichtung des eigenen Herzens. Diesen zu vollziehen, ist schwer. Dazu müssen wir uns zuweilen überwinden. Das IST schwer. Und es geht. Eine kleine Schar Menschen hat in den letzten Monaten getan, wozu Jeremia anregt: Sie hat gebetet. Im shutdown jeden (!) Tag mit Musik und Liedern in der Hillentruper Kirche. Diese kleine Schar hat nicht abgelassen. Über fast drei Monate hat sie nicht abgelassen. Sie hat gebetet nicht nur für die Menschen unserer Gemeinde, sondern für alle Menschen in Dörentrup, für die Menschen unseres Landes, für die Menschen dieser Welt. Sie alle müssen jetzt das Beste suchen. Beten, das scheint mir das beste Gegenmittel gegen Verschwörungstheorien und Schwarzdenker, gegen Hoffnungslosigkeit und depressive Rückzugstendenzen. Die kleine Schar bat für Menschen und die Gemeinschaft innerhalb und außerhalb unserer Gemeinden, sie horchte in die Stille und sie bekam unzählige Ideen und Antworten. Sie wird das weiterhin so tun. Beten und das Beste suchen. Und uns finden lassen von dem Gott, der uns ein Gott des Friedens sein möchte. (Jeremia 29,11-14). Wenn uns das gemeinsam gelänge, ja, dann wäre das wohl eine große Freude. Ich bitte darum, dass eben dies unter uns und für uns geschieht. Zum Wohle des Ganzen. Zur Freude aller. Für unsere „kleine Stadt“ Dörentrup. Für unsere Gemeinde. 
Und so grüße ich Sie und Euch in Verbundenheit, Ihre/Eure Pn. Sabine Hartung.

 

„Und er wollte lange nicht...“ - Gedanken zu Lukas 18,1-8

 

Lässt Gott sich bitten?
Lässt Gott sich belästigen?
Lässt Gott sich bedrängen?
Die Erzählung des Lukasevangeliums von der bittenden Witwe lehrt uns: Gott lässt nicht nur. Wir müssen es auch. Wir müssen ihn bitten, drängen, belästigen. Ja, es ist schier unsere Pflicht. 
Arm ist die Witwe, mittellos, ohne Einfluss. Allein. Sie sucht den ungerechten Richter auf. Arrogant und überheblich achtet er weder Gott noch Menschen. Dennoch behaftet sie ihn bei seinem Richteramt. Es ist ihre letzte Chance. Sie bittet. Sie drängt. Sie belästigt. Sie fällt zur Last. Sie behaftet den Richter bei seinem Anspruch, Richter zu sein. Sie heftet ihn buchstäblich darauf fest. Gegen den Richter spielt sie den Richter aus. Lange will er nicht. Doch dann spricht er ihr Recht. Gegen alle Erwartung. Weil er ihr Drängen nicht länger ertragen möchte. Weil er eine Ohrfeige vermeiden möchte. Er spricht ihr Recht und wird die Lästige los... weiterlesen

Lost. Verloren und gefunden.

Viele Familien bleiben zuhause oder suchen sich „kleinere“ Urlaubslösungen in Deutschland oder auch ganz in der Nähe. Hauptsache einfach einmal raus... 
Wir möchten Sie und Euch in dieser Andacht noch einmal mit hineinnehmen in unser Erleben mit den Jugendlichen am vergangenen Samstag... weiterlesen

 

Lass eine gute Spur zurück

„Alle diese Zeugen umgeben uns wie eine Wolke.
Sie spornen uns an.
Darum lasst uns durchhalten in dem Wettlauf, zu dem wir angetreten sind.
Lasst uns ablegen, was uns daran hindert.
Vor allem das, was uns von Gott trennt und uns so leicht umgarnt.“ Hebräer 12,1

Humfeld, den 9. Juni 2020

Liebe Leser und Leserinnen unserer Wochenandachten,
vielleicht haben Sie es in unserem neuen Gemeindebrief bereits gelesen: Wir haben wieder begonnen, unsere Gottesdienste zu feiern. Immer noch vermissen wir unser gemeinsames Singen schmerzlich. Wir bemühen uns sehr, unsere Gottesdienste als einen kleinen Trost musikalisch so vielfältig wie möglich zu gestalten. Unsere Musiker haben sich hierfür in den letzten vier Wochen treu und engagiert eingebracht. Hierfür sagen wir sehr herzlich: Danke. Wir haben zu unseren Wochenandachten viele positive Rückmeldungen bekommen. Und so habe ich mir überlegt, dass ich weiterhin Wochenandachten für Sie und Euch schreiben werde. Ab dieser Woche werden wir sie Ihnen und Euch in einem zweiwöchigen Rhythmus zukommen lassen. Unsere pastoralen Aufgaben nehmen uns zunehmend wieder ein. Sitzungen haben stattgefunden. Die Hillentruper Konfirmanden-Gruppe hat letzte Woche entschieden, dass sie ihre Konfirmation allen Umständen zum Trotz in diesem Jahr am 20. September feiern möchte. Ob wir zu diesem Zeitpunkt singen dürfen, oder nicht, ob wir weiter Abstand halten müssen, oder nicht: Am 20. September werden wir hören, wie 19 Jugendliche ihre Konfirmationsfrage beantworten und Gottes Segen empfangen. Unsere gemeinsame Unterrichtszeit wird dann zu Ende gehen. Mit drei kleinen Gottesdiensten haben wir nach dem shutdown unseren Endspurt Richtung Konfirmation begonnen. Unseren ersten Konfi-Gottesdienst unter der Überschrift „Und sie ließen ihre Anklagen fallen....“ haben wir mit Ihnen und Euch geteilt. „Lass eine gute Spur zurück!“ - unter dieser Überschrift feierten unsere KonfirmandInnen am 30. Mai 2020 einen Gottesdienst in der Hillentruper Kirche. Sie hörten die folgende kleine Geschichte. Ein Mann erzählt von seinem Traum:

Ich träumte eines Nachts, ich ging mit Gott am Meer entlang. Feucht fühlte der Sand unter meinen Füßen sich an, feucht und kühl vom Wasser des Meeres. So gingen wir und hinterließen Spuren im Sand. Und während wir so gingen, entstanden am Himmel bewegende Bilder meines Lebens. Wie auf einer großen Leinwand hoch über dem Horizont stiegen sie auf, um sich für einen Augenblick zu zeigen, wieder zu verblassen und in das nächste Bild überzugehen. Die Liebe meiner Eltern. Ihre Freude zu meiner Geburt. Meine Kindheit. Meine ersten Schritte.

Ganz viele Kinder. Und ich mittendrin. Einschulung mit Schultüte und einem grünkarierten Kleid. Freundschaften fürs Leben. Schule, Spielen und auch Pflichten. Meine erste Beerdigung. Ich war neun. Das Meerschwein Dori war gestorben. Es gab einen Trauerzug. Wir waren viele. Es gab Kuchen mit Limo. Und einen Stein. Aufwachsen. Rauswachsen aus den Kinderschuhen. Mein erster Freund. Nur das Halten unserer Hände. Noch zu schüchtern für einen Kuss. Schön. Die Schule abgeschlossen. Berufsentscheidungen. Lernen dürfen. Menschen begegnen. Heimat finden an ganz unterschiedlichen Orten. Hineinwachsen in Aufgaben. Prüfungen. Zweifel. Angst. Stolz. Unsere Hochzeit. Es war Herbst. Wir standen in einem goldenen Licht. Meine Familie. Sie trägt ihre Lasten tapfer. Sie macht es sich nicht immer einfach. Und ist darin doch ganz liebenswert. Älter werden. Sich entwickeln. Reif werden. Unerfüllten und unerfüllbaren Sehnsüchten nicht mehr nachjagen. Loslassen. Akzeptieren. Anderen zu einem Zuhause werden. Zu einer Umarmung. Einfach so. Bedingungslos. Ohne unnötige Fragen. Reine Liebe sein für einen Augenblick. Sich verschenken. Krank werden. An die eigenen Grenzen gestoßen. Gesund geworden. Es gab auch Krisen. Unbeschreiblich tiefe Enttäuschungen. Verrat und Verleugnung. Benutzt und fallengelassen. Es gab Wunden. Und Narben. Und manchmal scheinbar keinen Weg. Und am Ende ein zaghafter Blick hinüber ins Licht. Dankbarer geworden von Tag zu Tag. Verbitterung überwunden. Heil geworden vom Himmel her. Meine eigene Endlichkeit zu einem besten Freund gewonnen. Das alles sah ich. Dort oben am Himmel. Streiflichtern gleich. Als das letzte Bild an uns vorübergeglitten war, schaute ich den ganzen langen Weg noch einmal zurück. Ich sah Spuren im Sand. Und ich hielt inne. Noch einmal schaute ich verwundert hin. Nein, ich täuschte mich nicht: In den schwersten Zeiten meines Lebens war nur eine Spur im Sand zu sehen. Das verwirrte mich. Ich schaute Gott an und sagte: „Als ich dir damals, alles, was ich war, konnte und hatte, übergab, um dir zu folgen, da hast du mir versprochen, du würdest immer bei mir sein. Jetzt schaue ich zurück und sehe in den schwersten Zeiten nur eine Spur im Sand. Wo warst du, als ich dich so verzweifelt brauchte?“ Da nahm Gott meine Hand. Sanft. Fest. Und er sagte: „Geliebtes Kind. Nie ließ ich dich allein. Wo du nur eine Spur im Sand erkennst, sei ganz gewiss, da habe ich dich getragen.“

Eine kleine Geschichte für unsere KonfirmandInnen. Sie waren ganz still. Dann sangen wir ein Lied: Ich möcht, dass einer mit mir geht, / der`s Leben kennt, der mich versteht. / Der mich zu allen Zeiten kann geleiten. / Ich möchte, dass er auch mit mir geht.

Und dann fing ich noch einmal an zu erzählen. Die Geschichte von der Geschichte. Sie ist wirklich passiert. So, wie ich sie erzählte, ist sie wahr. Und groß und tief. Es war am 17. Dezember 2004. Es war ein Dienstag. Meine Mutter rief an. Sie musste gar nichts sagen. Ich wusste es sofort. Hatte ich doch im Zuge einer großen Enttäuschung am Vortag in einem Telefonat gesagt: „Alle lassen mich hier im Stich. Meine Kirche. Menschen, die ich liebe. Und du stirbst auch.“ Es war mir so herausgerutscht. Weil ich so verzweifelt gewesen war. Und bereits in dem Augenblick, in dem diese Worte meinen Mund verließen, taten sie mir unsagbar leid. Sie schwieg. Ganz tief. Große Liebe kann so schweigen. Nur eine Tag später war es geschehen. Ich wurde hinweggespült von einer Welle aus Schmerz. Wir sind dann sofort losgefahren. 180 Kilometer. Als wir ankamen, lag meine Großmutter auf ihrem Bett. Ich habe mich zu ihr gesetzt. Lange, lange saß ich bei ihr. Zwei Stunden. Vielleicht auch länger. Sie war mir so vertraut. Und zugleich so fremd. Auf ihrem Nachttisch stand diese italienische Lampe mit dem Porzellanfuß und dem rosa Samtschirm. Am Porzellanfuß der Lampe lehnte eine Postkarte. Ich hatte meiner Großmutter diese Karte einmal geschenkt. Auf der Karte stand die Geschichte von den Spuren im Sand. Meine Großmutter kannte diese Geschichte von ihrer Jugend an und sie hatte sie immer gesucht. Ich hatte sie für sie gefunden und hatte sie ihr „geschenkt“. Ich hatte die Karte seinerzeit nicht beschriftet. Jetzt war es mir, als schaute die Karte mich an, als spräche sie mit mir: Nimm mich! Und so stand ich auf, nahm sie hoch und schaute auf ihre Rückseite. Da stand in der Handschrift meiner Großmutter: „Dieser Spruch hat mich immer begleitet.“ Ich musste weinen. Viele, viele kamen an diesem Tag. Und auch sie mussten weinen. Auch die Haushaltshilfe meiner Großmutter nahm Abschied in diesen Stunden. Ich zeigte ihr die Karte. Da sagte sie: „Ich habe hier gestern noch Staub gewischt. Die Karte fiel mir um und ich schaute auf ihre Rückseite. Ich bin mir sicher: Da stand nichts drauf. Die Karte war leer.“

Wir vermuten: Sie hat in diesen Tagen geahnt, dass sie sterben würde. Irgendwann in ihren letzten Stunden hat sie die Karte beschriftet. Wie einen Segen. Wie ein Vermächtnis. Als wolle sie sagen: „Wenn ich gegangen bin, dann habt Ihr noch diese Geschichte. Nehmt sie und geht damit durch Euer Leben. Und wenn es Zeit ist, dann gebt sie weiter, so wie ich sie an Euch wei- tergegeben habe.“ Meine Großmutter hatte Gottes Spuren in ihrem Herzen. Als Kind ging sie bei den Schwestern des Diakonissenmutterhauses in Kaiserswerth in den Kindergottesdienst. Sie war der großzügigste Mensch, der mir je begegnet ist. Sie konnte Menschen durchschauen. Sie konnte Menschen lesen. Das war ihre große Gabe. Sie tat das immer in Liebe. Sie hat uns geprägt. Und als es Zeit wurde, da hat sie uns etwas hinterlassen, was bleibt. Ein Stück Ewigkeit. Zum Weiterverschenken. Um die Spuren zu lesen, die andere in uns hinterlassen. Menschen prägen einander nicht immer zum Guten. Gottes Spuren in uns: Sie helfen uns, zu unterscheiden, wer uns gut tut und wer nicht. „Gott hat in den letzten anderthalb Jahren Spuren in Euren Herzen hinterlassen. Ihr habt Geschichten, Texte, Gebete, Symbole, die Perlen des Glaubens, Wegsprüche, das Labyrinth. Ihr habt Lieder. Ihr habt unsere gemeinsame Zeit und die Art und Weise, wie wir miteinander umgegangen sind. All das ist da. Es ist in Euch. All das hat Gott in Euch hineingelegt. Wir wünschen Euch, dass ihr das für Euch nutzt. Es wird euch helfen, zu unterscheiden: Wer oder was ist gut für mich? Wer oder was bringt mich näher zu Gott? Wer oder was tut mir nicht gut? Wir wünschen Euch, dass Ihr am Ende sagen könnt: Ja, ich habe eine gute Spur zurückgelassen mit meinem Leben, in anderen Menschen, in dieser Welt.“

Und dann durften sich unsere Konfirmandinnen einen Umschlag mit ihrem Namen vom Taufstein für sich mitnehmen. In dem Umschlag war die Geschichte meiner Großmutter. Auf einer Postkarte. Versteht sich. Und mein Lieblingsfoto von jedem und jeder einzelnen. Und auf der Rückseite des Fotos ein Satz: Lass eine gute Spur zurück. Auf dem schmiedeeisernen Einsatz des Taufsteines brannte eine Kerze. Johannes Neugebauer spielte uns ein Lied: „Ins Wasser fällt ein Stein, / ganz heimlich, still und leise. / Und ist er noch so klein, / er zieht doch weite Kreise. / Wo Gottes große Liebe / in einen Menschen fällt, / da wirkt sie fort / in Tat und Wort / hinaus in unsere Welt.“

Sie kamen sehr leise nach vorn. Beinahe andächtig. Ich denke: Sie haben uns verstanden. Diese kleine Zeit am Taufstein war für jeden und jede von Ihnen etwas Besonderes. Und wer weiß...: Vielleicht werden sie die Karte in Ehren halten. Wir haben ihnen auch das gewünscht. Dass sie sie hüten wie einen kostbaren Schatz. Dass sie mit ihrer Geschichte leben. Und die Karte irgendwann wieder aus ihren Händen geben. Dann, wenn es Zeit wird, weil sie beginnen, hinüberzuschauen ins Licht. So, wie meine Großmutter es tat an diesem Morgen, als sie sehr weise und tapfer verstand, was mir verzweifelt über meine Lippen ging und als sie aus Liebe zu mir so tief schwieg. Als sie die Karte beschriftete in ihrer letzten Nacht, um sie an den Porzellanfuß dieser italienischen Lampe zu lehnen, die ich Zeit meiner Kindheit nie als besonders schön erachtete und die mir mit ihrem letzten und wichtigsten Auftrag noch einmal zu einer ganz besonderen Lampe wurde.

Unser Leben: Es ist doch eines der Wundersamsten. Unsere Hillentruper KonfirmandInnen sind jetzt geheimnisvoll verbunden mit den längst verstorbenen Schwestern des Diakonissenmutterhauses in Kaiserswerth. Und sie ahnen es nicht. Sie sind jetzt eingebunden in die Wolke der Zeugen von Generation zu Generation, immer schon dagewesen, wachsend und sich aneinander freuend. Wie eine Spur von Licht durch alle Zeiten von den Urvätern des Glaubens an, über Richter, Propheten, Könige und Weise, über die Gelehrten der Schrift, über Frauen und Männer, Alt und Jung, zerbrochen und geheilt, über alle, die dem menschgewordenen Gott je folgten, von ihm erzählten und sich an ihn hielten. Durch die Jahrtausende hindurch. Die Wolke der Zeugen, sie umhüllt uns, ganz gleich, wie es auch aussehen mag in uns und um uns herum. Sie birgt uns und schützt, sie nimmt unseren Feinden ihre Sicht auf uns und hüllt uns sicher ein. Sie zeigt uns den Weg am Tag, sie geht uns voraus. Nachts beginnt sie zu leuchten. Sie nimmt uns die Angst und vertreibt, was aus dem Dunkel nach uns greift und uns an sich ziehen möchte. Nein, wir dürfen nie vergessen, wo wir herkommen. Und wir dürfen nie vergessen, wer uns umgibt. Die Wolke der Zeugen, sie ist da. Und wir gehören hinein. Als diejenigen, in die Gott sich unauslöschlich eingeprägt hat. Als diejenigen, die gute Spuren hinterlassen und anderen ins Licht helfen. Dazu segne uns Gott. Und unsere KonfirmandInnen. Heute. Morgen. Und für die Ewigkeit.

Und so grüße ich Sie und Euch in Verbundenheit
auch im Namen meines Kollegen Pfr. Stephan Schmidtpeter, Ihre/Eure Pn. Sabine Hartung

Gottes-Zeit feiern von Zuhause

Sonntags um zehn Uhr läuten die Glocken. Für ein paar Minuten steigen wir aus. Setzen uns zusammen. Entzünden eine Kerze in unserer Mitte. Erleben gemeinsam eine kleine Gottes-Zeit. Dazu brauchen wir nur uns selbst, eine Kerze und diese kleine Liturgie.

Eine(r):
Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen ENTZÜNDEN EINER KERZE

Eine(r) zusammen:
Jesus Christus spricht: „Überall dort, wo zwei oder drei im Schutz meines Namens zusammen kommen, da bin ich mitten unter ihnen.“

KURZE STILLE

Jede(r) für sich:          
Was war schön in der vergangenen Woche? 
Was muss ich loslassen, weil es nicht zu ändern ist? Wo möchte ich mich verändern lassen?
An wen muss ich besonders denken?
Was wünsche ich mir für die nächste Woche?

Alle (abwechselnd?):
Gott, Freund des Lebens, Lebenskraft, besuche du die, die sich jetzt einsam fühlen. Deine Liebe umhülle sie zart. Stärke die, die jetzt für andere sorgen. Gib ihnen Geduld. Gib ihnen Kraft. Erhelle die, die jetzt entscheiden. Mach sie ganz klar. Schenke Mut. Ermahne die, die immer noch verharmlosen. Schenke Einsicht.
Wo wir nicht helfen können, halte unsere Hoffnung offen auf deine Zukunft hin.
Wo das Ganze uns übersteigt, lass uns im Kleinen beginnen. Sei unser Licht in dieser Woche. Zeige uns, was wir tun können. Zeige uns, wer wir sein können. Für uns und die, die mit uns leben.
Vaterunser im Himmel...

Segen (abwechselnd?):
Der Herr sei vor dir, um dir den rechten Weg zu zeigen. Der Herr sei neben dir, um dich in die Arme zu schließen und dich zu schützen.
Der Herr sei hinter dir, um dich zu bewahren vor der Heimtücke böser Menschen.
Der Herr sei unter dir, um dich aufzufangen, wenn du fällst, und dich aus der Schlinge zu ziehen.
Der Herr sei in dir, um dich zu trösten, wenn du traurig bist. Der Herr sei um dich herum, um dich zu verteidigen, wenn andere über dich herfallen.
Der Herr sei über dir, um dich zu segnen.
So segne dich der gütige Gott. Amen

DAS LICHT DER KERZE WIRD GELÖSCHT