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Menschen sind keine Nummern

Gedanken zu Markus 10,13-16

Einige Leute brachten Kinder zu Jesus. Er sollte sie segnen. Aber die Jünger wiesen sie schroff zurück. Als Jesus das merkte, wurde er zornig und sagte zu ihnen:
„Lasst doch die Kinder zu mir kommen. Hindert sie nicht daran. Denn für Menschen wie sie ist Gottes neue Welt da. Amen, das sage ich euch: Wer sich Gottes neue Welt nicht wie ein Kind schenken lässt, wird nicht hineinkommen.“

Und Jesus nahm die Kinder in die Arme, legte ihnen seine Hände auf und segnete sie.

Zur Zeit Jesu, im römischen Reich, da bekamen viele Kinder gar keine Namen. Sie wurden durchgezählt vom Ersten bis zum Letzten. Primus, Secundus, Tertius, Quartus, Quintus, Sextus, Septimus, Octavus, Nonus, Decimus. Reiche Kinder bekamen Namen. Sie durften spielen und auch lernen. Alle anderen Kinder gingen weder in die Schule, noch durften sie spielen. Sobald sie laufen und irgendetwas tragen konnten, mussten sie arbeiten. Kinder trugen zum Lebensunterhalt ihrer Familien bei. Sie mussten manchmal schon mit fünf Jahren arbeiten. Kinder waren die Objekte der Erwachsenen. Sie waren die Altersvorsorge ihrer Eltern. Sie galten nicht als eigenständige Persönlichkeiten. Wenn zu viele Mädchen geboren wurden, dann konnte auch schon einmal ein Mädchen verschwinden. Kinder aus armen Verhältnissen blieben arm. Auch, wenn sie größer wurden. Um die Not von Familien zu lindern, wurden Kinder in die Sklaverei verkauft. Die Verobjektivierung von Menschen im Imperium Romanum gehört zum Zeitgeist der Entstehungsgeschichten der neutestamentlichen Erzählungen und Texte. Der Mensch hatte zu funktionieren in den Strukturen und Systemen der römischen Besatzer. Der Mensch galt, was er leistete. Höchstes Ziel war die ökonomische und militärisch-geographische Ausweitung und der Erhalt des römischen Imperiums. Die Zeit der Entstehung der neutestamentlichen Texte war eine harte Zeit der Verelendung in Palästina mit Ausbeutung, Menschenhandel und Sklaverei. Das vergessen wir oft, wenn wir die neutestamentlichen Erzählungen lesen und hören. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, damit wir die Bibel nicht auf unser Niveau herunterziehen, sondern uns von der Bibel auf ihr Niveau heraufziehen lassen. Es ist wichtig, etwas von dem zu erspüren, worauf damalige Ohren aufhorchten, worin sie Zuspruch fanden, Trost, Hoffnung und Zuversicht.

Das Markusevangelium erzählt uns eine kleine Szene. Jüdische Frauen bringen ihre Kinder zu Jesus. Sie haben einen anderen Blick auf ihre Kinder, als die römischen Besatzer. Für diese Frauen ist Leben trotz aller Nöte und Schwierigkeiten mehr als der Sieg der Stärksten und ein Kampf um das Überleben. Aus den Erzählungen, Schriften und Traditionen ihres Glaubens heraus haben sie sich den Blick für die Schönheiten des Lebens und für das Geheimnis Gottes bewahrt. Der verobjektivierende Blick der römischen Besatzer auf ihre Kinder soll nicht der einzige Blick auf ihre Kinder bleiben. Immer, wenn sie ihre Kinder anschauen, dann ist es ihnen, als würde in ihren Herzen das uralte Wort des Propheten Jesaja auferstehen: „Fürchte dich nicht. Ich habe dich befreit. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du gehörst zu mir.“ (Jesaja 43,1) Nein, die Kinder dieser jüdischen Frauen werden nicht durchgezählt. Sie sollen keine Nummern sein. Bindungslos. Austauschbar im System der Mächtigen. Sie sind Söhne und Töchter des Höchsten, Königskinder, gekrönt mit dem Zuspruch des Ewigen, mit seinem Segen. Darum werden sie anders leben.

Der Stärkste überlebt, Machterweiterung, Machterhalt um jeden Preis: Dem kleinen Volk Israel war dieser Gedanke immer schon fremd und schauerlich. Früh hat das kleine Volk Israel Regeln gefunden für einen gerechten und fairen Umgang miteinander, für den Schutz von Frauen und Kindern, für den Schutz der Kranken, der Alten, der Aussteiger und der Gescheiterten. Das Niveau einer Gemeinschaft erkennt man daran, wie sie mit ihren Schwächsten umgeht und diese integriert. Das Niveau einer Gemeinschaft erkennt man daran, ob sie in der Lage ist, alle mitzunehmen. Denn: Das, was der andere heute von dir erbittet, könnte etwas sein, worum du ihn morgen bitten musst. Darum bekommen Kinder Namen. Weil sie lernen sollen, dass andere keine Objekte sind, keine Nummern. Das römische Reich ist irgendwann an seinem eigenen Größenwahn zerfallen. Die Erzählungen und Texte der Bibel haben sich ihren Weg durch die Geschichte gesucht und die Idee von Gottes neuer Welt hineingetragen bis in unsere Zeit. Bei uns bekommen Kinder Namen. Die Tendenz, Menschen zu Objekten zu machen, kennen auch wir. Es ist manchmal gar nicht so anders wie im römischen Reich. Die Starken, Machtvollen und Reichen machen, was sie wollen. Sie gehen über alle Grenzen. Sie benutzen die Schwachen und beuten sie aus. Für diese Menschen sind andere nur Nummern. Gott möchte seine Welt so nicht. Gott möchte uns so nicht. Er wollte das nie. Darum haben die Menschen in der Bibel von Anfang an Namen. Und sie hinterlassen Spuren. Gute Spuren.Spuren wie Hinweise in den Himmel und auf einen großen Gott. Vor einiger Zeit machte ich in unserer KiTa Vogelnest ein Foto. Der Ständer mit den Gummistiefeln stand in der Eingangshalle vor der blauen Tür zur Turnhalle. 12 Paar Kinderstiefel. Und ein Paar für große Füße. Manche Stiefel hängen auf dem Kopf. Das lila Paar ganz in der Mitte hängt auf dem Kopf. Rechts und Links ist vertauscht. In seine Sohlen ist ein Lächeln eingeprägt. Diese kleinen Stiefelchen hinterlassen fröhliche Spuren, überall, wo sie langspazieren. Entenfüße mit einem Lächeln. Ich muss an Fynn denken. Fynn ist heute 12. Er fängt dieses Jahr mit Konfi an und engagiert sich in unserem Sporker Kindergottesdienst. Als Fynn noch ganz klein war, da kam er zu unseren Ponys zum Reiten. Und dann hatte er ganz oft bei seinen Gummistiefeln Rechts und Links vertauscht. Manchmal haben wir das gar nicht mitbekommen. Es gibt ein Foto von Fynn. Da sieht man ihn von hinten. Er hat seinen Kindergartenrucksack auf und führt das Pony. Unser Hund läuft hinterher. Und Fynn spaziert munter mit seinen Entenfüßen durch das Sporkholz. Seinen Füßen hat das nicht geschadet. Und irgendwann wusste er, welcher Stiefel an welchen Fuß gehört. Wie gesagt. Fynn ist heute 12. Und er hinterlässt gute Spuren hier in unserer Gemeinde. Zusammen mit anderen Erwachsenen, Kindern und Jugendlichen. Es sind andere Spuren als die Spuren des Funktionierenmüssens, der Selbstoptimierung, der Verzweckung von Leben, des Erfolgs, des Vorteils und des Gewinns. Es sind echte Lebensspuren. Spuren zu Gott und zu anderen Menschen. Spuren wie lachende Gesichter. Ein Foto aus der KiTa Vogelnest. Die Gummistiefel ganz in der Mitte hinterlassen genau solche Spuren. Überall, wo sie langspazieren. Die biblische Sicht auf Kinder ist wie eine Gegenfolie zu einer Welt, in der Menschen zu Objekten gemacht werden und für die Mächtigen nur noch Nummern sind. In der Geschichte von der Kindersegnung im Evangelium des Markus lesen wir: Wer sich Gottes neue Welt nicht wie ein Kind schenken lässt, wird nicht hineinkommen. Ich höre diesen Satz auch so: Wer sich von Kindern nicht beschenken lassen kann, wird den Zugang zu Gottes neuer Welt nicht finden. Kinder haben Fantasie, sie probieren sich zweckfrei aus. Jenseits von allem Zweckrationalismus unserer Zeit. Kinder glauben noch an das, was sie nicht sehen. Sie haben noch ein Gespür für die Phänomene der unsichtbaren Welt, die man weder anfassen, noch erklären kann. Kinder sind reines Gefühl. Sie durchschauen, was in sich nicht stimmig ist. Kinder sind gut und geliebt, weil Gott sie so möchte. Weil Gott sie so ansieht. Einfach so. Um ihrer selbst willen. Damit weisen sie uns Großen den Weg hinüber in Gottes neue Welt. Gott möchte uns rein und verletzlich, liebend und weich, stark, fröhlich, gerecht, mit einem großen Herzen, fantasievoll und weit. Gott möchte, dass wir seinen Spuren folgen und füreinander einstehen. Gott möchte seinen Glanz in unser Leben bringen. Dieser Glanz lässt aus Nummern und Objekten wieder Menschen werden. Kinder spiegeln diesen Glanz wider. Die Tage spürte ich das noch. Wir hatten unseren kleinen Hundewelpen besucht. Noch lebt der kleine Hund bei seiner Hundemama. In seiner Menschenfamilie, da lebt auch der Leo. Leo ist sieben. Vorgestern also haben wir unseren kleinen Welpen besucht. Dann mussten wir uns verabschieden. Wir konnten uns nur schwer von der Welpenbande trennen. Und als wir uns unten vor dem Haus unsere Schuhe anziehen, da klopft es plötzlich oben am Fenster im ersten Stock. Wir schauen hoch. Da steht Leo mit unserem Welpen auf seinem Arm. Leo hat den Kleinen noch einmal für uns aus der Welpenkiste genommen. Und hält ihn für uns noch einmal hoch. Zum Abschied. Und er lacht, als wir uns darüber freuen. So einfach geht das. Kinder können das noch. Dass wir genau diesen Glanz in unseren Kindern und auch in uns selbst schützen. Dass wir ihnen und uns (!) genau diese glänzende Art nicht austreiben. Dass wir genau darauf ganz gut aufpassen, das wünsche ich uns in diesen letzten Sommertagen. In dieser Welt werden Menschen zu Objekten und Nummern gemacht. Das ist schmerzhaft, überall, wo wir das so erleben. Damals wie heute. Es liegt an uns, ob wir diesen Erfahrungen das letzte Wort über uns lassen. Oder ob es für uns noch eine andere Wahrheit gibt. Jetzt, während ich diese Zeilen an Sie und Euch schreibe, ist mir plötzlich, als würde Gott für einen Augenblick durch mein Herz spazieren. Ganz fröhlich. In allem. Trotz allem. ER hat lila Gummistiefel an. ER hat Rechts und Links vertauscht. Spaziert herein. Winkt und ist schon wieder fort. Und mein Herz muss lächeln.
Und so grüße ich Sie und Euch in Verbundenheit,
Ihre und Eure Pn. Sabine Hartung.

Hefata! Öffne dich!

Ein ganz besonderer Tag nach Markus 7,31-37
Es ist ihr Tag. Ein Jubiläumstag. Ein Gratulationstag. Freudig empfängt sie mich an der Haustür. Ich schaue hinauf auf die goldenen Luftballons und das Banner über dem Vordach. Sie bittet mich herein. Ihre Tochter stellt sich mir vor. „Kommen Sie herein.“ Freundlich schaut sie mich an. „Mein Vater spricht nicht mehr viel. Er hat begonnen, sich selbst zu vergessen.“ Der Tisch ist schon geschmückt mit einem zarten Rosengesteck für den Nachmittag. Ich setze mich. Wir kommen ins Gespräch. Ich genieße ein Stück Zupfkuchen und einen guten Kaffee mit Sahne. Mutter und Tochter erzählen. Er schaut freundlich, sein Gesicht regt sich nur wenig. Es scheint, als erreichten ihn unsere Worte nicht. Als machten sie kurz vor ihm Halt, als machten sie kehrt, um sich ihren Weg zurück zu suchen zu uns. Als käme das, was doch für ihn gedacht ist, immer wieder unverändert zu uns zurück. Vor 50 Jahren haben sie ihre Liebe unter Gottes Segen gestellt. Dort vor dem warmbraunen, geschnitzten Chorgestühl. Licht fiel durch die bunten Fenster. Bei ihrem Ja-Wort wurde es still. Ein Augenblick der Ewigkeit füllte den Kirchraum bis zum letzten Platz unter der Empore. Legte allen Sorgen, Ängsten, legte allen Leiden und allem Schmerz seine tröstende und lindernde Hand auf. Ewigkeit heilt. Wo sie eintritt, verbeugt sich die Zeit. Seine erste Frau war plötzlich schwer erkrankt und gestorben. Heiligabend hatten sie sie beerdigt in der kalten Wintererde. Seither war kein Weihnachtsfest wie zuvor. Die Kleinste war erst vier. Und der Große knapp sechs. Sie brauchten eine Mutter. Sie ist seine zweite Frau. Am Anfang nannten die Kleinen sie „Tante“. Doch schon bald wie selbstverständlich „Mama“. Die beiden Kleinen wurden zu den Großen. Sie bekamen noch zwei Geschwister. Stiefschwester, Stiefbruder, diese Worte gab es in ihrer Familie nicht. Alle vier gut groß geworden. Sie stehen füreinander ein. Wie ein Herz und eine Seele. Unterstützten ihre Eltern. Bis heute tun sie das. „Weißt du das noch?“ Ab und zu tanzt eine Frage durch den Raum. Mit leichten Schritten. Vorsichtig, ohne zu bedrängen und doch auffordernd, lockend, werbend um ihn. So, wie Liebende umeinander werben. Wenn es scheint, als wolle er antworten, legt sie ihren Zeigefinger auf ihren Mund. Als würde selbst die kleinste Störung ihn entmutigen, ein Wort zu lösen von seiner Zunge. Nur ein Wort. Wie schön wäre es, wenn er heute spräche. Ein klares Wort. Eine Erinnerung, wie eine Berührung. Nur ein Augenblick wie früher an diesem besonderen Tag. Dann beträte die Ewigkeit den Raum. Und wir würden uns vor ihr verbeugen in buntem Licht. Ich trinke einen Schluck Kaffee. Schaue ihn an. „Hefata! Öffne dich!“ Worte werden in mir lebendig. Tanzend betreten sie den Raum, setzen sich vor mir zusammen, Buchstabe für Buchstabe, als suchten sie sich ihren Weg hinüber zu ihm. „Hefata! Öffne dich!“ Worte wie eine uralte Geschichte. „Das Wasser des Sees glitzert verlockend an jenem Tag. Jesus ist unterwegs im Gebiet von Sidon. Dort, wo die zehn Städte sind. Dort, wo sie ihn noch gar nicht so gut kennen. Sie kommen mit einem Mann auf ihn zu. Der Mann spricht kein Wort. Sie bitten für ihn: Lege ihm doch deine Hand auf. Wir bitten dich sehr. Wir wissen: Das öffnet ihm seinen Mund.“ Das Stück Kuchen auf meinem Teller ist fast verzehrt. Wie gerne hätten sie ihn zurück. So, wie er einmal war. Da ist eine Grenze. Unsichtbar steht sie im Raum. Trennt uns von ihm. Trennt ihn von uns. Färbt das Vertraute fremd. Ihre Sehnsucht berührt mich. Und ihre Traurigkeit. „Das Wasser des Sees glitzert. Lege ihm deine Hand auf.“ Ach, wenn es doch einen Steg gäbe vom Glitzern des Wassers über alle Tiefen bis hinüber zu uns. In die Stille hinein höre ich mich sagen: „Das ist doch so viel mehr wert als alles andere auf dieser Welt. Dass Sie beide das so hinbekommen haben. Dass Sie eine Familie wurden. Und dass Ihre Kinder wirklich zu Geschwistern werden konnten. Ich finde, das ist ein ganz großartiges Lebenswerk. Wunderschön. Dazu gratuliere ich Ihnen beiden an diesem besonderen Tag von Herzen.“ Es ist ganz still. Ihre Augen werden feucht. Er schaut uns an. „Da geht Jesus mit dem Mann aus der Menge heraus. Und als sie allein sind, legt Jesus ihm ein Wort von sich selbst auf seine Zunge. Noch immer glitzert der See im Licht der höher steigenden Sonne. Heilung braucht einen geschützten Raum. Jesus weiß das nur zu gut.“  Seelen öffnen sich nur dort, wo sie sich sicher wähnen. Sich von Gott berühren zu lassen, das ist eine intime Sache. So intim, wie es ist, wenn Menschen beginnen, sich selbst zu vergessen. Wenn sie beginnen, ihre Worte für sich zu behalten und zu schweigen. Auch das gehört unter den Schutz derer, die uns lieben. Heraus aus der Menge. Weg von gaffenden Blicken und tuschelnden Zungen. „Hefata! Öffne dich!" Es ist, als würde Jesus diese Worte seufzen. Und dieses Seufzen klingt wie ein Gebet, den Himmel fest im Blick. Da löst sich die Zunge des Mannes. Er spricht. Die Sahne im Kaffee hat sich am Boden meiner Tasse abgesetzt. Mein letzter Schluck schmeckt weich und aromatisch. Wir sammeln sehr sorgfältig Worte, stellen sie nebeneinander in den Raum und verzieren sie mit ein paar Fragezeichen. Wo? Wer? Wann? Was war denn das Schönste? Und was war am schwersten? Wenn er mich anschaut, dann kommt es mir vor, als wolle er mich prüfen. Der Zug um seinen Mund wird weicher. Zunächst bewegen sich nur seine Lippen. Wir lassen ihm Zeit. Alles Drängen zieht sich leise zurück, als verlasse es auf Zehenspitzen den Raum. Dann ein Wort. Er spricht. Der Ort, an dem er lernte. Das Haus. Der Beton. Der Wirt. Seine Arbeit. Aus sich bewegenden Lippen werden Worte und aus Worten werden Sätze. In ihnen berühren wir einander. Und für einen Augenblick verbeugt sich die Zeit, und es ist, als falle Licht durch große, bunte Fenster. Wie damals vor dem warmbraunen Chorgestühl. Als Gott seinen Segen über sie legte wie eine schützende Hand. Gottes Segen. „Hefata! Öffne dich!" Noch immer glitzert der See im Licht der tiefer sinkenden Sonne. Wir gehen auf die Terrasse und schauen in den Garten. Mein Blick fällt auf die vielen Rosen. Damit ließ er sich immer noch locken. Da ist so viel Fantasie. Die Liebe hat Fantasie. Immer wieder. Und bis zuletzt. „Ich tue das gerne für meinen Vater. Er hat so viel für mich getan.“ Ihre Stimme zittert fast unmerklich. Die Türe zur Terrasse ist jetzt weit offen. Er ist zufrieden. Als ich gehe, lächelt er. Mutter und Tochter begleiten mich bis an mein Auto. Fünf Osterkerzen habe ich noch. Das sind meine letzten. „Für Sie beide und für jedes Ihrer Kinder eine.“ Sie strahlt. Eine werden sie entzünden. Am Nachmittag. Auf dem Kaffeetisch wird sie leuchten. Weil ihre Geschichte eine große Geschichte ist. Weil da viel Grund ist für Freude und Dank. In allem. Trotz allem. Ein Foto aus unserer Kirche, ja das wäre schön. Weil er dort nicht mehr hinkommen wird. Ich werde eines vorbeibringen. Versprochen. Vielleicht lösen sich noch einmal Worte aus seinem Mund, wenn er es sieht. Mit diesem Gedanken verabschiede ich mich. Ich fahre am Waldrand entlang und mir ist, als glitzerte im Rückspiegel der See. Mein Blick gleitet über das Tal noch einmal hinunter zu ihrem Haus. Es ist gut, dass ich sie besucht habe. Und es stimmt nicht, was mir neulich noch jemand sagte: „Sie brauchen uns nicht zu besuchen. Sie wird nicht wissen, wer Sie sind und sie wird es ja doch gleich wieder vergessen.“ Ich denke: Schon das Wort „lohnen“ ist falsch. Es gibt tatsächlich Worte, bei denen wäre es besser, sie kämen uns nie über unsere Lippen. Auch nicht über die Lippen unserer Gedanken. Durch das Lindgrün der großen Buchen glitzert die Sonne. Glücklich sind jene, die offen sind für Gottes Berührung im Licht der uralten Worte. Ja, ihnen ist wirklich zu gratulieren. Noch einmal sehe ich sie vor mir. Ihre Tränen und sein Lächeln und auch ihre Freude. Dann blinke ich rechts. Erfüllt von einer tiefen Freude lasse ich den Wald hinter mir. Vor mir öffnet sich das untere Begatal. Ich schaue in die Weite. Der Himmel ist offen, blau und klar. Ich denke: Was für ein Glück. Als hätte der Lebendige selbst gratuliert. Ja, heute ist wirklich ein ganz besonderer Tag.

Mit herzlichen Grüßen und in Verbundenheit Ihre und Eure Pn. Sabine Hartung

Weil sie mehr sah, als er..

Von einer klugen Eselin und einem uneinsichtigen Propheten

Es war ein kalter Tag Ende Februar. Der Frühling hatte seine Boten noch nicht ausgesandt. Der Wind strich seicht durch blätterkahle Äste und Zweige. Es war ein Tag, von dem ich nichts Besonderes erwartete, nicht zu kalt, nicht zu windig, irgendwie angenehm, um draußen zu sein. Und so war ich unterwegs mit meiner Stute Hylling im Wald oberhalb der Maibolte. Die Hylling bewegte sich ruhig und rhythmisch. Sie nahm mich einfach mit. Ich ließ meine Seele baumeln und sie trug mich hindurch. Sie tat mir gut. So waren wir unterwegs. Unvermittelt riss sie mich aus meinen Gedanken. Sie blieb stehen. Ich schaute mich um. Und sah nichts, was mir dieses Stehenbleiben hätte erklären können. Also fragte ich ein kleines Vorwärts. Nichts. Sie stand. Wie eine Eins. Unbeweglich. Ich fragte noch einmal. Fragte einen Ponyfuß und dann den nächsten. Es war nichts zu machen. Die Füße der Stute waren wie angeklebt auf der kalten Wintererde. Ich beschloss, zunächst noch einen Augenblick zu warten und dann abzusteigen, um zu schauen, ob sich vielleicht ein Stein in einem ihrer Hufeisen verkeilt hatte. Dann krachte es. Vor uns brach ein mächtiger Ast von einem Baum. Er schlug direkt vor uns auf und zerbrach mit einem splitternden Krachen. Er hätte uns unter sich begraben. Ich schluckte. Sie hatte es gemerkt. Hatte etwas gesehen, was mir verborgen geblieben war und hatte uns beiden damit unsere Unversehrtheit bewahrt. Wenn nicht sogar das Leben. Ich stieg ab. Ich habe geweint. Ihre Umsicht und ihre Hartnäckigkeit, für uns beide so leise und doch so unverrückbar auf ihrer Wahrnehmung zu beharren, hat mich zutiefst berührt an diesem Tag. Ich habe dieses Erlebnis lange in mir bewegt. Und musste irgendwann an diese kleine Geschichte aus dem Buch Numeri denken. Das kleine Volk Israel ist kurz davor, in das Land Kanaan einzuziehen. Balak, der König von Moab, bekommt es mit der Angst zu tun. Was wird dieses Volk tun, wenn es die Grenze seines Königreiches überschreitet? Wird es in Frieden kommen? Balak kann diese Situation nicht einschätzen. Und so beschließt er, sich auf eine besondere Art zu verteidigen, noch bevor weiß, ob er das überhaupt muss: Er bittet den Propheten Bileam, das kleine Volk Israel zu verfluchen. Bileam soll Israel Unglück wünschen. Und damit seinen Einzug nach Moab abschwächen, wenn nicht sogar vereiteln. Wenn dies gelingt, wird Balak Bileam hoch vergüten. Aber nur, wenn dies gelingt. Bileam macht sich mit seiner Eselin auf den Weg dem kleinen Volk Israel entgegen. Unvermittelt bleibt die Eselin stehen. Sie rührt sich nicht mehr vom Fleck. Sie hat etwas gesehen, was Bileam verborgen bleibt. Mitten auf dem Weg steht ein Engel mit einem flammenden Schwert. Gott möchte nicht, dass Menschen Menschen verfluchen. Gott möchte nicht, dass Bileam sein Volk Israel verflucht. Bileam sieht den Engel nicht. Darum kann er das scheinbar störrische Verhalten seiner Eselin nicht deuten. Er schlägt zu. Für ihn ist sie einfach ungehorsam. Also versucht er es mit Gewalt. Doch seine Eselin bleibt ihrer Wahrnehmung treu. Sie verweigert ihm den Dienst. Als Bileam nicht von ihr ablässt und sich immer weiter in den Gedanken des Ungehorsams verrennt, legt sie sich einfach hin. Da lässt Gott Bileam die Gedanken der Eselin hören: „Was habe ich dir denn getan, dass du mich schlägst?“, fragt sie. Bileam antwortet gereizt: „Du denkst wohl, du kannst machen, was du willst. Wenn ich ein Schwert hätte, würde ich dich töten!“ Die Eselin fragt klug zurück: „Habe ich dich irgendwann schon einmal enttäuscht?“ „Nein“, antwortet Bileam. Habe ich dich irgendwann schon einmal enttäuscht? Bileam ist seltsam berührt von diesen Worten. Wenn sie sich so verhält, dann muss sie einen trefflichen Grund haben. Die Worte der Eselin lassen ihn noch einmal neu schauen. Jetzt sieht er den Engel. Und er hört dessen Worte: „Warum hast du deine Eselin geschlagen? Ich habe dir den Weg versperrt, weil du Israel nichts Schlechtes wünschen sollst. Wenn deine Eselin mir nicht ausgewichen wäre, hätte ich dich getötet, und deiner Eselin hätte ich nichts getan.“ Zuletzt denkt Bileam um. Er kehrt um. Er segnet das kleine Volk Israel, anstatt es zu verfluchen. Die kluge Eselin – sie ist die eigentliche Prophetin in dieser Geschichte. Weil sie mehr sah, als er.

Ich meine: Wir brauchen diese Art von ProphetInnen in unserem Leben. Wenn wir uns (in uns selbst) verrennen, wenn etwas auf uns zukommt, was uns bedroht und wir auf dem besten Wege sind, uns einer Gefahr auszuliefern, die uns verborgen ist. Manchmal sind es die kleinen Zeichen, die uns plötzlich unsere Augen öffnen: Meine innere Stimme, meine Intuition, ein Lied, ein Gedicht, ein Bibelvers oder irgendein anderer Impuls aus meinem Alltag. Und manchmal sind es Menschen, die hartnäckig und unbeirrbar so ganz anders an mich herantreten, als ich es gerade gerne hätte und mich genau damit zum Umdenken bringen.

An diesem kalten Februartag vor vielen Jahren habe ich keiner Eselin geglaubt, sondern einer Islandpferdestute mit einem großen Herzen. Sie wurde mir zu einer Prophetin und wir blieben beide unversehrt. Wir haben an diesem Tag einen anderen Weg genommen. Das ist für mich der Kern der Geschichte von Balak, Bileam und der klugen Eselin: Gott möchte, dass wir einander das Gute wünschen. Gott sorgt dafür, dass wir uns nicht verrennen in das, was anderen schadet. Gott sorgt dafür, dass wir uns nicht selbst zu einem Schaden werden, dass wir umdenken, umkehren, um uns selbst und anderen segensreich begegnen zu können. Mögen die klugen ProphetInnen sich uns immer wieder in unseren Weg stellen. In welcher Art und Weise auch immer. Mögen sie uns ihren Dienst verweigern, mögen sie einfach stehenbleiben, wenn sie merken: Das ist der falsche Weg!

Manchmal brauchen wir das. Mögen wir die Größe haben, ihnen mehr zu glauben als uns selbst. Dazu segne uns der Lebendige. Für uns und für alle, die mit uns leben.

Seien Sie mit prophetisch klugen Augenblicken beschenkt in diesen Wochen der Passionszeit.

Das wünsche ich Ihnen auch im Namen meines Kollegen Pfr. Stephan Schmidtpeter,

Ihre Pn. Sabine Hartung

Sieben Wochen ohne Mauern...

Gedanken zum Beginn der Passionszeit

Heute, da ich Ihnen und Euch diese Zeilen schreibe, geht die fünfte Jahreszeit zu Ende. In vielen Kirchen unserer katholischen Schwestern und Brüder empfangen Menschen das Aschekreuz und den Segen, mancherorts anders als in den Jahren zuvor, über den Kopf gestreut, anstatt auf die Stirn geschrieben. Manch ein Priester spricht den Segen heute ein einziges Mal für alle Anwesenden, der persönliche Zuspruch unterbleibt. Corona schleicht sich hinein in Rituale und Bräuche und hat auch uns überlegen lassen, wie wir in diesem Jahr die sieben Wochen der Passionszeit begehen möchten. Im Januar haben Menschen an 15 Abenden auf Anmeldung unser Angebot wahrgenommen, unsere Hillentruper „Kirche im Festkleid“ zu genießen. Wir waren sehr berührt von dem Bedürfnis vieler Menschen, in unserer Kirche der Orgel und der Stille zu lauschen, zu sich selbst und vielleicht auch in Gottes Nähe zu finden und einen Segen zu empfangen. Und so haben wir überlegt: Wir möchten dieses Bedürfnis aufnehmen und werden unsere Kirche bis Ostern an zwei Abenden in der Woche öffnen.
Montags und mittwochs können Menschen von 18.00 Uhr bis 18.30 Uhr der Orgel lauschen, einen kleinen Textimpuls hören und einen Segen empfangen. Ab 18.30 Uhr folgt eine halbe Stunde der Stille.
Die Aktion „Sieben Wochen ohne“ kam uns in unseren Sinn. Worauf möchten wir in den nächsten sieben Wochen verzichten? Was möchten wir anders machen, entgegen unserer Gewohnheiten und unserer eingeschliffenen Muster? Wo möchten wir uns von Gott verändern lassen? Wo möchten wir andere werden? Wo möchten wir uns bereichern und verwandeln lassen, um ein wenig neuer hinauszugehen aus den sieben Wochen der Besinnung und der Umkehr Richtung Auferstehung und Neubeginn?
Die Aktion „Sieben Wochen ohne“ benennt in jedem Jahr ein Thema. Menschen nehmen dieses Thema mit in ihren Alltag und schauen, was mit ihnen passiert, was sich heilsam in ihnen und für sie verändert. Während ich überlegte, was für uns ein Thema sein könnte, fiel mir ein Buch in meine Hände, ich habe es jüngst gelesen. Sein Titel heißt: „Wenn Männer mauern.“ Ich musste schmunzeln. Und ich dachte: Das könnte doch ein Thema sein: Sieben Wochen ohne Mauern.
Mauern ist so etwas wie ein psychischer Selbstschutzmechanismus. Eine Seele macht zu. Ich kenne das von mir. Wenn mir alles zu viel wird und ich mich mit einer Situation überfordert fühle, dann mache ich zu. Oder wenn mich jemand an einer Stelle berührt, an der ich durch meine Geschichte und bestimmte Erfahrungen sehr empfindlich bin, dann mache ich auch zu. Wenn Menschen mauern, dann möchten sie sich davor schützen, von etwas „überschwemmt“ zu werden. Sie haben Angst davor, verletzend in Frage gestellt, gekränkt und beschämt zu werden. Wer mauert, möchte erwarteten Vorwürfen zuvorkommen.
Mauern als Rückzug aus jeglicher Kommunikation entlastet die Person, die mauert. Und es belastet diejenigen, vor denen sich der Mauernde schützt. Mauern als Verweigerung von Kommunikation sendet die Botschaft: „Dich gibt es nicht für mich!“ Wer mauert, mutet den anderen zu, wovor er sich selbst schützt: Er oder sie kränkt andere durch Verweigerung und Schweigen. Mauern. Ich mache zu. Weil mir das Vertrauen fehlt, dass Du Dich so mit mir auseinandersetzt, dass es mich weder beschämt noch kränkt, noch überfordert.
Sieben Wochen ohne Mauern. Wer mauert, schließt sich aus. Das ist der Preis für seinen oder ihren Selbstschutz. Er oder sie lässt keinen rein. Er oder sie lässt nichts von sich heraus. Hinter der Mauer seiner Seele kauert der Mauernde ganz allein. In sich selbst verschlossen wie in Stein. Sieben Wochen ohne Mauern. Wir haben eine Mauer aus gebrannten Ziegeln gebaut in unserer Hillentruper Kirche. In dieser Mauer gibt es Spalten und Lücken. Heute Morgen stand ich hinter dieser Mauer mit meinem Rücken zu den bunten Fenstern im Chorraum. Und ich schaute durch eine ihrer Lücken hindurch in unsere Kirche. Ich sah die Bänke und den großen Leuchter. Weißes Winterlicht fiel hinein durch die großen Fenster. Und ich dachte: Wie schön wäre es jetzt, wenn mir jemand von der anderen Seite ein Zettelchen durch einer der Mauerspalten zuschieben würde: „Du hast zugemacht und Dich so sehr verborgen. Ich finde es dennoch sehr schön, dass ich weiß, dass Du da bist. Wenn Du möchtest, dann komm doch hervor. Ich werde Dir nicht weh tun. Wenn Du möchtest, dann warte ich hier, bis Du es wagst, Dich zu zeigen mit dem, was Dich beschäftigt. Und dann können wir es teilen. Und vielleicht macht uns das dann beide schöner.“
Unsere Mauer in der Hillentruper Kirche ist mit ihren Lücken und Spalten so etwas wie ein Aufruf zu ganz zarten Gesten des Sich-Wagens und der vorsichtigen Annäherung. Wir Menschen schützen uns. In Zeiten der Pandemie anders als gewohnt. Manche von uns gehen auf Abstand. Ziehen sich zurück. Menschen entwickeln ihre persönliche Art von Selbstschutz. Unsere Mauer in unserer Kirche ermutigt uns, kleine Zeichen zu wagen und uns wieder zu öffnen. Sieben Wochen ohne Mauern. Mich selbst beobachten. Spüren, wo ich anderen unberührbar werde. Wieder Vertrauen wagen. Meinen eigenen Strategien von Selbstschutz auf die Spur kommen. Kleine Zettelchen schreiben in Gedanken. Vielleicht mit den Worten: „Ich kann gerade nicht anders, als zu mauern. Aber schau. Hier ist ein ganz kleiner Spalt. Über ein Zettelchen von Dir würde ich mich freuen.“ Sieben Wochen ohne Mauern. Das ist wie ein Weg vom Selbstschutz hinüber in die Wertschätzung. Ich (be)werte Dich nicht. Ich schätze Deinen Wert. Ich möchte verstehen, warum Du Deine Mauer brauchst. Mauern als eine Form des Selbstschutzes. Ich denke an DEN, dem wir folgen in diesen Wochen. Er gab allen Selbstschutz auf. Er blieb weich, er wehrte sich nicht und zog sich nicht zurück. Er ging hinauf nach Jerusalem, offensiv, bereit, alles anzunehmen, was auf ihn zukam. Er tat das in einem großen Vertrauen. Das war am Ende alles, was ihm blieb. Nein, es geht nicht ohne Vertrauen.
Sieben Wochen ohne Mauern. Viele kleine Zettelchen hindurchgeschoben durch viele kleine Spalten machen unsere Mauer in der Hillentruper Kirche durchlässig. In Jesus Christus hat sich Gott durchlässig gemacht für uns. Und immer wieder fällt SEIN Licht durch die Spalten der Mauern, mit denen wir unsere Seelen schützen, auch vor IHM. Wir können das lassen. Wir können IHN lassen. Wir können uns durch IHN verändern lassen. Wir können lernen, zu wagen, auszuhalten und offen zu bleiben, auch wenn uns manches schmerzt. Wir können lernen, aufeinander zu zugehen und gemeinsame Wege zu suchen. Wege gesäumt von Wohlwollen, Respekt und Zärtlichkeit. Wege zueinander. Wege ans Kreuz und Wege an SEINEN Tisch. Wege in den Himmel. Vielleicht hilft uns unsere Mauer in der Hillentruper Kirche dabei, uns in den nächsten Wochen neu zu entdecken. Vielleicht hilft sie uns, Gott neu zu entdecken in unserem Leben. Neben unserer Mauer steht eine Schachtel mit kleinen Zettelchen und Stiften. Manche der Zettelchen sind unbeschrieben, auf manchen stehen kleine Gebete. Die Zettelchen warten darauf, gelesen, beschrieben und in die Spalten unserer Mauer gesteckt zu werden wie kleine Zeichen: Nichts muss bleiben, wie es ist. Gott kann uns verändern. ER nimmt unsere Zettelchen, die wir ihm zaghaft hinüberschrieben. Und er schickt uns seine kleinen Botschaften. Und dann ereignet sich etwas. Leben passiert. Wir werden anders. Wir werden neu. Ganz so, wie wir es schon jetzt lesen können im letzten Buch des biblischen Zeugnisses: „Siehe, ich mache alles neu!“ Offenbarung 21,5
Wir wünschen Ihnen und Euch einen gesegneten Beginn der Passionszeit. Seien Sie behütet.
Ihre/Eure Pn. Sabine Hartung auch im Namen von Pfr. Stephan Schmidtpeter

P.S.:
Ab Samstag, den 20. Februar, 16 Uhr, können Sie unsere Auftaktandacht in die Passionszeit mitfeiern. Die Andacht wird mitgestaltet durch ein Gesangs-Quartett aus unserer Gemeinde, durch Johannes Neugebauer und Barbara Kruse.
Am Freitag, den 5. März, werden wir eine Andacht zum Weltgebetstag online stellen: Frauen des Pazifik-Inselstaates Vanuatu haben die Gottesdienstordnung für das Jahr 2021 vorbereitet. Die Weltgebetstagsordnung lassen wir Ihnen und Euch mit dieser Andacht schon einmal zukommen.

Unter meine Haut

Gedanken zur Jahreslosung und Lukas 10,33

„Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist.“
Lukas 6,36
„Als er den Mann sah, empfand er tiefes Mitleid.“
Lukas 10,33

Liebe Leser und Leserinnen unserer Wochenandachten,
zum Jahresanfang hatte Corona uns so fest in seinem Griff, dass ich es versäumte, Ihnen und Euch Gedanken zu Losung des Jahres 2021 zukommen zu lassen. Ich hatte mir diese Gedanken schon zurechtgelegt. Dann war zunächst anderes dran. Nun also lasse ich Sie und Euch gerne teilhaben an dem, was die Losung des Jahres 2021 in mir bewegt und in Gang gesetzt hat. Hierzu möchte ich Ihnen und Euch eine kleine Geschichte erzählen. Sie hat sich genau so zugetragen und mir in einer Art und Weise meine Augen geöffnet, mit der ich nicht gerechnet hatte.

Vor Weihnachten wollte ich abends in der Dunkelheit unsere Ponys von der Weide holen. Dazu ziehe ich den Ponydamen stets ein Halfter an und führe sie zum Stall. Der Zaun hat drei Litzen. Die oberste Litze lasse ich immer zu, bis beide Ponys „eingefangen“ sind. Besser ist besser. Die Damen sind zuweilen sehr unternehmungslustig. Der besagte Abend war wunderschön klar, der Mond stand in einer schmalen Sichel am Himmel und sein Licht warf lange Schatten. Ich war müde. Jeder Handgriff war mir zu viel. Ich dachte: „Zaun auf, Zaun zu.“ Das spare ich mir heute. Ich hakte auch die oberste Litze aus, bevor ich die Ponys aufgehalftert hatte und eh ich mich versah, waren beide Ponys an mir vorbei Richtung Dorf unterwegs. Sie hatten hörbar Spaß. Die Dickere galoppierte vorweg über den Asphalt. Ich hatte kein Handy dabei und folgte den beiden. Im Dorf blendete ein Auto auf und als ich es erreichte, waren die Pony schon über alle Berge. Ich kannte den Fahrer. Ich hatte vor vielen Jahren einen seiner Söhne konfirmiert. Er sagte vorwurfsvoll: „Ich habe die gerade fast angefahren. Die sind da hoch gelaufen.“ Ich überhörte mit einem schlechten Gewissen seinen Unterton und fragte: „Können Sie zu Familie R. fahren und dort Bescheid sagen, dass die Ponys weggelaufen sind? Dort sind auch Ponys, vermutlich laufen meine da hin. Dann laufe ich anders herum, ich weiß nicht, welchen Weg sie nehmen.“ Antwort: „Ich habe keine Zeit.“ Sprach es zu Ende, machte das Fenster hoch und fuhr los. Hinter mir näherte sich ein anderes Auto. Und in diesem Auto saß eine Dame, der ich neulich aus Müdigkeit und Frust ziemlich genervt vor den Kopf gestoßen hatte. Da stand noch etwas zwischen uns. Sie machte die Beifahrertür auf und sagte ganz selbstverständlich: „Steig ein.“ Sie hatte die Situation sofort geblickt. Wir fanden die Ponys, sie waren tatsächlich unterwegs zu Familie R. Und ich dachte: zwei so unterschiedliche Begegnungen in weniger als einer Minute. Und ausgerechnet die Dame, der ich so barsch vor den Kopf gestoßen habe und die mir nicht grün ist, hilft. Und unvermittelt musste ich an eine Geschichte aus dem Lukasevangelium denken. Da liegt ein Mensch schwer verletzt auf einem unwirtlichen, gefährlichen und einsamen Wüstenweg von Jerusalem nach Jericho. Er wurde überfallen. Zwei seiner Glaubensbrüder sehen ihn dort liegen und gehen vorbei. Mitten in der Wüste kriegt das keiner mit. Dann kommt ein Fremder. Einer, der dem Verletzten von seiner Glaubenseinstellung her gar nicht grün ist. Da steht etwas zwischen den beiden. Und dieser Fremde hilft. Mehr noch. Er organisiert eine Pflege über mehrere Tage und zahlt sie im Voraus. So tief ging ihm der Verletzte unter seine Haut. Diese Geschichte hatte ich plötzlich vor Augen. Sie hat mich sehr still werden lassen. Und auch ein bisschen kleinlaut. Ausgerechnet die Dame, die ich angeranzt hatte, hat sich durch das, was zwischen uns stand, nicht davon abhalten lassen, mir zu helfen. Damit ging sie mir unter meine Haut. Ich habe mich bei ihr entschuldigt. Und ihr etwas Leckeres für ihr Pferd überbracht. Wie ein Zeichen: „Du warst größer als ich. Ich habe von Dir gelernt. Ich danke dir.“ Ja, das ist der Clou an dem, was die Bibel im Lukasevangelium Barmherzigkeit nennt: Barmherzigkeit lässt den anderen unter die eigene Haut unabhängig davon, was zwischen uns steht. Barmherzig. So ist Gott. Wir gehen ihm unter seine Haut. Ganz tief. Ganz gleich, was war. Ganz gleich, was trennte. Auch dieser Gedanke kam mir noch an jenem Abend. Und im klaren Schein der schmalen Sichel musste ich lächeln. Mit zwei Ponys an meiner Hand.
Ja, Gott begegnet uns zuweilen in Situationen, in denen wir ihn nicht erwarten und dann trifft er uns voll ins Herz. Manchmal auch so, dass es uns ein bisschen pikst. Doch dieses Piksen lässt uns wachsen auf ihn hin.
Mögen wir IHN, den Lebendigen, immer wieder so erleben im Jahr 2021.
Möge es ein barmherziges Jahr werden. Für uns und alle, die mit uns leben.
Und so grüße ich Sie und Euch in Verbundenheit,
Ihre/Eure Pn. Sabine Hartung

P.S.: Anbei zwei Impressionen aus unseren Weihnachtsgottesdiensten, im nächsten Gemeindebrief folgen Eindrücke nach.

Am Rande der Wüste - Gedanken zum Jahresanfang

Nun ist es da, das neue Jahr. Es hat sich gleichsam hineingeschlichen in den zweiten Lockdown. Seit dem 3. Advent halten wir uns einmal mehr zurück mit persönlichen Kontakten und Begegnungen. Kurz vor Weihnachten haben wir unsere Gottesdienste ausgesetzt. Wann wir sie wieder aufnehmen werden, wissen wir derzeitig noch nicht. Wir fahren auf Sicht. Der Schatten der Corona-Pandemie drückt auf Gemüter und Seelen in diesen Tagen. Auch hier bei uns in Dörentrup. Hilflos und betroffen schauen wir in die Augen derer, die gezeichnet sind von einem Tod, den es ohne das Virus nicht gegeben hätte. Vor einigen Wochen war diese Erfahrung noch ganz weit weg. Nun hat sie auch uns erreicht. Dieses unfassbare Virus. So leise kommt es daher. So beiläufig. So, als würde es mit unserer Unbedarftheit spielen. Und führt uns dann urplötzlich an den Rand unserer selbst, führt alles ad absurdum, was uns sonst hilft und trägt von Mensch zu Mensch, von Seele zu Seele, wenn wir in Grenzsituationen angewiesen sind auf vertraute Berührungen, Blicke und Stimmen. Ein Mensch musste sterben ohne die, die ihn lieben, ganz allein mit sich selbst, mit seiner Verzweiflung und seiner Angst. Er hat sich dort angesteckt, wo er sich sicher fühlte. Denen, die zurückbleiben, zerreißt es ihr Herz. Sie durften nicht bei ihm sein, als er starb. Sie konnten nicht helfen. Ihnen bleibt dieser Tod un(an)fassbar, nicht zu (be)greifen, irreal, absurd und abstrakt. Manche von ihnen waren selbst erkrankt. Lagen nachts wach und haben ihre Atmung beobachtet, sind abgestürzt in abgrundtiefe und urmenschliche Ängste davor, in einen Zustand zu verfallen, in dem nichts und niemand mehr helfen kann und Leben verzweifelt erstickt. So erleben sich Menschen in diesen Tagen. Auch unter uns. Und diese Menschen machen Grenzerfahrungen, von denen wir Anfang 2020 nie gedacht hätten, dass sie uns in dieser Art und Weise nahe kommen würden. Menschen sind zu Grenzgängern geworden am Rande der Schatten von Erkrankung, Tod, Einsamkeit und (Existenz)Angst. Es hat keinen Sinn, dieses Erleben zu (ver)leugnen. Es ist da. Wir sind da. Und wir müssen damit umgehen. Am Anfang dieses Jahres drückt dieser Schatten auch diejenigen unter uns schwer, die das Virus körperlich nicht erfasst hat. Menschen erleben sich, als lägen sie abgeschnitten brach, als hätten sie die Grenze überschritten zu einer Wüste aus Stein und Geröll. Dort jenseits der Grenze ist es still. Die Hitze des Tages wird unerträglich. Und die Einsamkeit auch. Nichts passiert. Kein Lachen. Kein Spiel. Keine Musik. Kein Tanz. Keine Feste und keine Feiern. Kein Gesang. Keine Farben. Da ist nur Kargheit. Da ist der harte Kontrast von Hitze am Tag und beißender Kälte in der Nacht. Der Wechsel des Immergleichen. Sein oder Nichtsein. Leben und Tod. Es gibt kein Dazwischen. In diesem Kontrast scheint jeder Tag gleich. Das erscheint seltsam widersprüchlich.

Wüste.

Wir führen uns wie abgeschnitten vom Leben und aller Lebendigkeit. Sind zurückgeworfen auf uns selbst. Unserer selbst überdrüssig. Wüste ist eine Grenzerfahrung. Sie nimmt uns alle Strategien, mit denen wir sonst unser Leben gestalten und meistern. All unser Tun, Planen und Machen gerät an seine Grenzen, es hilft uns nicht in der Wüste. Nichts gilt mehr in der Wüste. Das kennen wir so nicht. Wir erleben uns plötzlich als ausgeliefert, als abhängig von etwas, was größer ist, als wir selbst und was wir nicht verfügen können. Wüste macht demütig. Das ganz Kleine und uns sonst so Selbstverständliche wird plötzlich lebensnotwendig. Ein Tropfen Wasser, ein kleines Fleckchen Schatten, eine Wachtel und ein paar von diesen Samen mit dem Namen Manna - Man hu. Wüste macht dankbar. Wüste kann eine Chance sein, Leben in seiner Tiefe neu auszuloten und zu begreifen. Wüste kann eine Chance sein, Gott zu begegnen. Am Rande der Wüste lagerte sich das kleine Volk Israel einst auf seinem Weg in ein verheißenes Land. So erzählt es das zweite Buch Mose (2. Mose 13,20 bis 22). Und als das kleine Volk die Grenze aus dem Kulturland in die Wüste überschritt, da ereignete sich Gott vor ihnen aus der Wolke und aus dem Feuer. Gott war nicht die Wolke. Gott war nicht das Feuer. Gott verhüllte sich in Wolke und Feuer, als einer, der sie führte. Verborgen und darin doch sichtbar. Wie ein Geheimnis. Zeigte ihnen eine Richtung, einen Weg, ein Ziel. Am Rande der Wüste hütete Mose die Schafe seines Schwiegervaters Jitro. Das ist eigentlich eine Mädchenarbeit. Wegen Mordes geflohen aus Ägypten ging Mose den untersten Weg. Immer wieder den untersten Weg gehen müssen: Auch das kann uns wie eine Wüste sein. Am Rande der Wüste, dort an der Grenze, macht Mose eine Erfahrung, die nicht nur ihn verändern wird. Er sieht einen Dornbusch. Dieser Dornbusch brennt und er verbrennt doch nicht. Der Dornbusch. Er verletzt, trägt keine Früchte, hält auf Abstand und kann sich selbst entzünden. Er ist ein uraltes Symbol für Unterdrückung und Zwang durch Autoritäten und Machthaber. So erlebt es das kleine Volk Israel in Ägypten. Der Pharao lässt das kleine Volk brennen, er verzehrt es bis auf seinen Grund. Das Volk stöhnt. Gott hört. Und erwählt sich den Gescheiterten, den, der an seinem eigenen Zorn verbrannte, als er einen ägyptischen Aufseher erschlug: „Mose! Mose!“ Mose nun ist nicht nur der, der aus dem Wasser gezogen wurde, sondern auch der, von dem Gott sagt: „Zieh Du sie raus!“ Mit seinem und ihrem Gott wird er das tun.

Am Rande der Wüste steht der Dornbusch in Flammen und verbrennt doch nicht. Und Mose geht dem nach, was er sieht und nicht versteht. Hört seinen Namen aus dem Feuer. Begreift, dass jetzt nichts mehr trägt, außer dieser Ruf. So fühlt es sich an, wenn der Heilige uns berührt mit seiner Stimme. Dann reißen wir uns alles von unseren Füßen, worauf wird uns verließen, um uns ganz und gar dem zu ergeben, der unsere Namen kennt. „Tritt nicht näher! Fass das nicht an!“ Mensch hat verlernt, Dinge unberührt zu lassen. Mensch fasst an, was ihm unter seine Finger kommt. So, als hätte er das Recht dazu, als gehöre ihm alles und als sei ihm alles verfügbar. Auch diese Seite unseres Menschseins spiegelt uns die Corona Krise. Der Heilige im Feuer hält Mose auf Distanz. Die heilige Distanz ist eine heilsame Distanz. Sie fasziniert und erschreckt zugleich. Sie fordert Respekt ein. „Auf dem Weg der Lässigkeit und Verachtung hat noch niemand Gott gefunden.“ So las ich es neulich bei einem Professor der Religionspädagogik zu der Erzählung vom brennenden Dornbusch. Gottes heilige und heilsame Präsenz birgt in sich ein Versprechen wie einen Namen: „Ich bin der, der für dich/euch da ist. Ich bin der, der für dich/euch da sein wird.“ (2. Mose 3,14) Der Heilige ist Gegenwart und Zukunft. Die Begegnung mit ihm ist ein ganz persönlich gemeintes Geschehen und weist zugleich weit über sich hinaus auf das Geschick des Gottesvolkes. Nein, es geht nicht nur um mich. Es geht um das Ganze dieses Gottes mit seinen Menschen. Der Heilige im Feuer. Er verbirgt sich unberechenbar, unvorhersehbar in Hitze und Wärme, im Zündeln und Leuchten, in der Flamme und in der Glut, im Hochschlagen und im leisen Knistern. So erleben wir IHN am Rande der Wüste und auch mittendrin, wenn, ja wenn wir IHN lassen. Wenn wir zurücktreten von uns selbst, von unseren Möglichkeiten, Ideen, Werten und Vorstellungen und ihn einfach einmal zum Zuge kommen lassen mit dem, was er uns entgegenruft. Der Heilige hält am Rande unserer Wüsten und auch mittendrin Gegenwart und Zukunft für uns bereit mit diesen uns zuweilen so unbedeutend scheinenden Schattenplätzen, Wassertropfen, Wachteln und Man-hu-Samen. Da waren so viele kleine Zeichen unter uns in den letzten Wochen. Die Flamme unseres Adventslichtes suchte sich unter den Schatten des zweiten Lockdown seinen Weg durch unsere Gemeinde. Sie ließ sich nicht beirren, sie wurde zum Segen, sie kehrte zurück und wacht jetzt über unsere Kirche. Zu unserem Online-Weihnachtsgottesdienst fanden sich Menschen aus unserer Gemeinde und unserem Dorfleben füreinander in einer berührenden Art und Weise unter dem Dach unserer Hillentruper Kirche zusammen. Eine Karte, ein Segen, ein Licht und ein Choral gespielt auf unserer Hillentruper Orgel. Ein Wort des Trostes berührt nach Jahren des Schmerzes heilsam. Eine Idee sprüht auf wie glutrote Funken. Sie trägt weiter und steckt an. Wir wurden beschenkt am Rande der Wüste und auch mittendrin. In unseren Grenzerfahrungen. Der Unnahbare ist uns nah. Gott ereignet sich mitten unter uns. Verborgen, unverfügbar und doch geheimnisvoll besorgt und hilfreich. ER entfacht uns für seine Sache. ER mutet sich uns zu. Und erweist sich gerade darin als rettend. So gehen wir. Wir werden die Wüste durchschreiten. Wir werden nicht an ihr scheitern. Wir werden an ihr wachsen. Und wir werden auf den zuwachsen, der für uns da sein will. So wurde es denen vor uns versprochen. So gilt es für uns.

Und so grüße ich Sie auch im Namen meines Kollegen Pfarrer Stephan Schmidtpeter, Ihre/Eure Pastorin Sabine Hartung.

Dörentrup am 2. Advent 2020

„Mache dich auf und werde Licht; denn dein Licht kommt.
Und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir!
Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker. Über dir geht auf der HERR.
Und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“
Jesaja 60,1

Liebe Leser und Leserinnen unserer Hausandachten,

jetzt, da ich Ihnen und Euch diese Zeilen schreibe, schleicht sich langsam das Licht in den Morgen des zweiten Advents. Gestern Abend haben wir in unserer Hillentruper Kirche eine erste Abendandacht zum Advent gefeiert. Eine weitere Abendandacht und ein Abendgottesdienst werden folgen. Am Ende dieser Andachten und dieses Gottesdienstes haben Menschen unserer Gemeinde die Möglichkeit, sich an der Osterkerze ein Licht zu entzünden und einen persönlichen Haussegen zu empfangen. Zu Licht und Segen überreichen wir eine selbstgestaltete Karte (gestaltet von Helmut Hartung). Die Karte kann mit oder ohne Licht in der Familie, an Freunde, Bekannte oder die Nachbarschaft weitergegeben werden mit der Bitte, sie ebenfalls weiterzureichen. Der Segen kann von Haus zu Haus vorgelesen werden. Wir hoffen, dass auf diese Weise die Segenskarten durch unsere Gemeinde wandern und dass die Segensworte ihre stille und uralte göttliche Kraft entfalten von Mensch zu Mensch und von Herz zu Herz.

Gestern Abend ließen sich in unserer Hillentruper Kirche im Schein der Kerzen des großen Leuchters und des Herrnhuter Weihnachtssternes viele Menschen ganz persönlich von uns segnen. Das hat uns sehr berührt. Wir werden Ihnen und Euch die Abendandachten zu Licht und Segen auf unserer Homepage als kleine Filme einstellen, dort können sie von Ihnen und Euch noch einmal mitgefeiert werden.

Im Dorfkern in Hillentrup fällt in diesem Jahr der „lebendige Adventskalender“ aus. Und so wird die „Nachbarschaft Hillentrup“ in diesem Jahr, initiiert von Kathrin Kropp, einen stillen Adventskalender von Fenster zu Fenster gestalten. Licht und Segen wurden gestern Abend an Ehepaar Kropp und Heinz Lübbecke weitergegeben, das Licht wird am Heiligen Abend um 23.00 Uhr in unsere Kirche zurückkehren und dort über die Weihnachtstage und den Jahreswechsel leuchten. In unserer ersten Andacht zu „Licht und Segen“ haben wir gestern nachgedacht über Worte des Propheten Jesaja:

„Über dir geht auf der HERR und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“ (Jesaja 60,2)

Das hebräische Wort „Herrlichkeit des HERRn“ („Kawod Adonai“) bedeutet auch „Ehre, Gewicht, Standfestigkeit, Glanz“. Im alten Orient wurde Königen und hohen Autoritäten die „Herrlichkeit“ qua Amt zugesprochen. Die Menschen des alten Orient schauten den ihnen überstellten Autoritäten in ihr Angesicht. Verdunkelte sich das Angesicht des Königs oder der Autorität, dann hieß das: „Du gehörst nicht zu mir. Ich bin dir nichts schuldig. Und wenn ich es wollte, dann könnte ich deinen Tod verfügen.“ Erhellte sich das Angesicht des Königs oder der Autorität, dann hieß das: „Ich stehe mit meiner Ehre für dich ein. Ich tue das mit meinem ganzen Gewicht. Wenn es sein muss, werde ich dich verteidigen. Wenn es sein muss, werde ich dich retten. Unter dem Glanz meines Blickes bist du sicher. Im Schein meiner Herrlichkeit darfst du leben. Und leuchten. So, wie ich.“

Als der Prophet Jesaja diese Worte schrieb, da lag ein Schatten über dem Land, über seiner ihm damals bekannten Welt. Darin sind wir ihm nah. Es liegt ein Schatten über unserer Welt in diesem Jahr, im Gebet haben wir gestern vor Gott gebracht, wie wir diesen Schatten erleben. Gottes Herrlichkeit durchzieht die Geschichte gegen allen Augenschein. Sie hat sich noch einmal anders und neu gezeigt im Angesicht des menschgewordenen Gottes. Auf seine Kraft in uns warten wir von Tag zu Tag, immer wieder überraschend und immer wieder neu. Advent, das ist wie ein lebenslanges Horchen und Schauen auf das Licht des Christus entzündet ganz tief in uns von Anbeginn, lange bevor es uns gab und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Mögen wir diesem Licht Raum geben in uns. Der Christus wendet sich uns zu und indem er das tut, glänzt SEIN Angesicht in Herrlichkeit. Möge SEIN Blick uns treffen mitten in unser Herz, mögen wir IHM erlauben, uns zu berühren, uns zu heilen und zu erhellen, zu stärken und zu trösten. Gott kommt. Er lässt uns nicht. Sein Angesicht leuchtet über uns. Wir dürfen ihn belangen und bitten. Und so grüßen wir Sie mit den Worten, die wir gestern Menschen zusprachen. Und wer weiß: Vielleicht kommt eine unserer Segenskarten auf geheimnisvollen Wegen bei Ihnen und Euch an. Das würde uns sehr freuen:

Möge in dieser Nacht das Licht des Christus eintreten in Euer Haus. Möge es Euch erhellen und wärmen, trösten und heilen.
Möge es hinausleuchten durch die Fenster Eurer Herzen.
Möget ihr Licht sein in den Dunkelheiten dieser Zeit.
Gott schütze Euch. Er schütze Euer Haus. Amen

Und so grüßen wir Sie und Euch in adventlicher Verbundenheit,
Sabine Hartung und Stephan Schmidtpeter.

Die Kraft aus der Tiefe - Neue Haus-Andachten für Menschen unserer Gemeinde...

Von März bis August verteilte eine treue Schar von Menschenkindern zwischen 11 und 80 Jahren wöchentlich bis zu 140 Andachten an Menschen unserer einen Kirchengemeinde. Die treue Schar erfreute zu Ostern mit einem Ostergottesdienst aus unserer Hillentruper Kirche auf CD und 200 Osterkerzen. Im Zusammenhang der steigenden Coronazahlen wurde mir in den letzten Tagen von sehr unterschiedlichen Menschen unserer Gemeinde das Folgende erzählt:
"Die Tage war es so früh dunkel. Man weiß ja jetzt gar nicht, was kommt. Da habe ich mir die Wochenandachten wieder vorgenommen. Ich habe sie alle noch und immer wieder finde ich etwas darin, was mich tröstet und alles ein bisschen heller macht."
Gedanken, die aus der Tiefe kommen, rühren Menschen an, sie faszinieren und beschenken immer wieder neu. Sie sind eben nicht mit einem Lesen "abgefrühstückt". Sie wollen Begleiter sein, spirituelle Prozesse anregen, sie wollen inspirieren und ein Stück des eigenen Wachsens mitgehen. Als solche sind sie gedacht und als solche werden sie wahrgenommen. Das ist mein Eindruck in diesen Tagen. Wo Menschen die Kraft aus der Tiefe spüren, beginnen sie, ihr nachzusuchen. Genau dies scheint derzeitig zu passieren. Eine Dame sagte mir gestern:
"Den Hillentruper Osterfilm habe ich mir die Tage zum vierten Mal angeschaut."
Es wird also ab dem 1. November wieder neue Andachten geben, zunächst monatlich. Sollten wir unsere Gottesdienste bis Ende November wieder einstellen müssen, werden wir überlegen, unseren Rhythmus zu forcieren.

Falls Sie uns unterstützen möchten oder Menschen kennen, die sich über eine "Kraft aus der Tiefe" freuen, dann lassen Sie es uns wissen.
Seien Sie behütet, bleiben Sie gesund. Und so grüße ich Sie auch im Namen meines Kollegen Pfr. Stephan Schmidtpeter, Ihre P. Sabine Hartung.

Von wahren Autoritäten, oder: Eine Fabel, die es in sich hat...

Gedanken zu Richter 9,8-15

Monatsandacht November 2020

Himmelsantwort...
Vor einiger Zeit stellte ich dem Himmel ein paar Fragen und bekam nach einigen Tagen und Nächten eine interessante Antwort. Auf Umwegen wurde ich auf eine Fabel aus dem Richterbuch gestoßen. Diese Fabel gehört zu den altorientalischen Baumfabeln.

Baumfabeln...
Altorientalische Baumfabeln lassen Bäume sprechen, wie Menschen. Sie wurden im Zusammenhang mit der Wahl eines Königs erzählt, wenn der alte König verstorben oder abgesetzt worden war. Die Fabeln kamen aus den mittleren Reihen des Hofes von denen, die weder gewählt werden konnten, noch wählen durften und mittels der Fabeln gaben genau diese Menschen den Wahlberechtigten Hinweise darauf, wen sie aufgrund ihres eigenen Insiderwissens für den geeignetsten Kandidaten hielten. Die Baumfabeln waren also ursprünglich systemstabilisierend, indem sie Hinweise auf einen aus ihrer Sicht geeigneten Königskandidaten gaben. Sie stellten das Königtum grundsätzlich erst einmal nicht in Frage.

Eine besondere Baumfabel...
Mit der Fabel, auf die ich die Tage gestoßen wurde, verhält es sich anders. Diese Fabel stellt das Königtum/die Autorität in ihren Grundfesten in Frage und stellt eine eigene Definition einer gottgewollten Autorität daneben. Diese Fabel hat es in sich. In den Predigtreihen der großen Kirchen ist sie nicht zu finden. Und auch in der Predigtdatenbank der theologischen Fakultät Tübingen mit über 10000 Predigten gibt es nicht eine einzige Predigt zu ihr. Kaiser Wilhelm II von Preußen verbot es seinerzeit, die Fabel zu erzählen oder über sie zu sprechen. Dies mag daran liegen, dass jede(r), der oder die diese Fabel erzählt, zur Familie der Aufbegehrenden“ gezählt wurde/wird.

Die Sehnsucht der Bäume nach einem, der sie leitet und führt..
Die Fabel geht so: Die Bäume gehen hin, einen König zu salben, der über sie herrschen soll. Sie sprechen zum Ölbaum: „Sei König über uns!“. Der Ölbaum antwortet mit einer Frage. Fragen fördern das eigenständige Denken, sie regen das Gegenüber zum Nachdenken an. Indem der Erzähler dieses Stilmittel einsetzt, entspricht er literarisch eins zu eins dem autoritätskritischen Charakter der Fabel. Stilmittel und Aussage der Fabel sind deckungsgleich. Die Fabel ist in Form und Inhalt ein Guss und damit in sich stimmig. Darum entwickelt sie eine so ungeheure Kraft, die sie auf den Punkt fokussiert.

Der Preis ist zu hoch: Die Antworten der Fruchtbäume...
Der Ölbaum antwortet auf die Aufforderung der Bäume: „Soll ich meine Fettigkeit aufgeben, die Götter und Menschen erfreut, und hingehen, um über den Bäumen zu taumeln?“ Der Ölbaum stellt mit dieser Frage klar: Würde er sich zum König salben lassen, dann würde er aus seiner Sicht das hohe Gut seiner nährenden und stärkenden und heilenden Frucht (Oliven, Öl) aufgeben. Er wäre damit nicht mehr er selbst. Und das wäre für ihn kein Gewinn und auch kein Zustand, aus dem heraus es sich für ihn lohnen würde, König zu sein. Er würde seine Verwurzelung verlieren, seinen Halt in der Erde. Er würde seine Anbindung verlieren an das, was ihm Kraft gibt und die Ausbildung seiner Früchte ja gerade erst möglich macht. Mit dieser verwurzelten Anbindung spielt die Fabel auf die Verwurzelung der Autorität in Gott an: „Wohl dem Menschen, der sich an Gott hält, der ist wie ein Baum, tief verwurzelt an Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit und alles, was er macht gerät wohl.“ (Psalm 1,1). Ein Baum, der haltlos in den Lüften taumelt und torkelt, kann keine Frucht mehr bringen. Eine Autorität dieser Qualität ist nichts, was dem Ölbaum attraktiv erscheint und was er anstrebt. Und so fragen die Bäume den Feigenbaum und den Weinstock. Feigenbaum und Weinstock antworten mit derselben Frage, wie der Ölbaum. Der Feigenbaum möchte seine Süße nicht preisgeben, der Weinstock nicht die Stärke und Kraft in seinen Trauben. Die drei großen altorientalischen Fruchtbäume Ölbaum, Feigenbaum und Weinstock lehnen alle drei dankend ab. Der Preis ist ihnen zu hoch. Sie möchten nähren, stärken, heilen und erfreuen mit ihren Früchten und nicht haltlos und entleert Autorität sein.

Die Antworten des Dornbusches...
Und so fragen die Bäume den Dornbusch. Der Dornbusch gehört nicht zu den Fruchtbäumen, im Gegenteil, er trägt keine Früchte, er trägt Dornen, 10 bis 12 cm lang. Und diese Dornen haben es in sich. Sie verletzen und zerstören. Der Dornbusch wird auch nicht besonders hoch, einen Meter, vielleicht etwas höher. Auch der Dornbusch antwortet. Und diese Antwort enthält eine dreifache Strategie: Zunächst stellt auch der Dornbusch eine Frage: „Wollt Ihr wirklich mich zum König machen? Überlegt Euch das gut...“ Mit dieser genialen Frage nimmt der Dornbusch eine mögliche Kritik an sich vorweg, er räumt schon im Vorfeld aus, dass er eigentlich gar nicht geeignet ist, König zu sein. Mittels der Infragestellung seiner selbst heizt er die an, die ihn gerne zum König hätten, und lenkt den Blick von seiner Gefährlichkeit ab. Er äußert einen Zweifel, hinter dem schon längst eine weitere Strategie steckt. Sein Zweifel ist nicht echt, er gehört zu seinem Spiel. Auf diesem sehr geschickt-genialen Weg installiert der Dornbusch seine zweite Strategie: Er wirbt: „Kommt, bergt Euch in meinem Schatten.“ Ein Dornbusch gibt so gut wie keinen Schatten. Der Dornbusch ist viel zu klein, um Schatten zu spenden bei senkrecht stehender Sonne. Das werden die Bäume erst merken, wenn der Dornbusch wirklich König ist. Einem anderen Schatten zu spenden, das ist in der sengenden Hitze des Orient eine der zärtlichsten Zuwendungen überhaupt. Schatten spendet Schutz vor dem Hitzetodes. Eine wahre Autorität vermag Schutz zu geben vor todbringenden Einflüssen. Der Dornbusch ist dazu nicht in der Lage, wirbt jedoch damit. Er wird nicht halten können, was er verspricht. Und das weiß er schon jetzt. Seine Nähe wird eine verletzende Nähe sein, die andere in seinen Schatten zwingt. An einen Dornbusch kann man sich nicht anschmiegen. Doch eben dies ist die Sehnsucht der Bäume. Wenn es darauf ankommt, werden die Worte des Dornbusches nur leere Worte gewesen sein. Dann wird es für die Bäume zu spät sein und der Dornbusch wird von seinen Versprechungen nichts mehr wissen. Er wird sagen: „Ich habe euch gewarnt und gefragt, Ihr habt es so gewollt.“ Auf die lockende Werbung folgt als die dritte Strategie die Drohung. „Wenn Ihr Euch nicht in meine verletzende und enge Nähe begebt, wenn ihr nicht schön dort bleibt, dann passt auf! Nehmt Euch in Acht. Dann werde ich mich selbst entzünden und einen so rasenden Steppenbrand in Gang setzten, dass die Zedern des Libanon brennen.“ Die Zedern des Libanon sind das stabilste und härteste Baumaterial, welches der alte Orient kannte. Sie sind das duftende, für Schädlinge wie Würmer unangreifbare Fundament, der Grund. Wer diesen Grund mit einem Mal zerstört, zerstört eine ganze Kultur.

Demaskierung der drohenden und zerstörerischen Autorität...
Geschicktes Kaschieren der eigenen Strategien mittels des strategischen Zweifels, lockende Werbung und Drohung: Die Fabel entlarvt und demaskiert die aus biblischer Sicht falsche Autorität in ihren drei Strategien, ihrem zerstörerischen Wesen und ihrer Gefährlichkeit. Wer sich der zerstörerischen Autorität nicht unterwirft, wird verbrannt. Die Fabel stellt die aus ihrer Sichtung göttlich gewollte und geliebte (!) Autorität daneben. Diese wird symbolisiert durch die drei großen Fruchtbäume. Die Autorität der Fruchtbäume besteht in ihren Früchten, in dem, was sie weitergeben, wovon andere profitieren. Die Autorität der Bäume liegt in dem, womit sie andere ernähren (Fett), stärken (Öl, Wein), heilen (Öl, Wein) und erfreuen (Süße. Es gab im alten Orient keinen Zucker. Zum Süßen kam nur Honig oder die Feige in Frage).
Die Autorität der Fruchtbäume ist keine Autorität des Drohen, Raffen, der Habgier und des Kleinhalten (Bleib schön in meinem verletzenden Schatten! Wag Dich da ja nicht raus! Unterstehe Dich, über mich hinauszuwachsen!), sondern des Geben, Starkmachen, Erfreuen und Heilen. Die Fabel sagt: Gott möchte diese Art von Autorität in allen Bereichen des Lebens, auch im politischen Bereich. Eine Autorität von der Art des Dornbusches mit den Strategien „Strategischer Zweifel“, „anbindende Verführung“ und Drohung ist keine Autorität, die sich auf Gott berufen kann und darf.

Gesunde Autoritäten aus biblischer Sicht...
Die Fabel stellt noch etwas vor Augen: Autoritäten, die sich wurzelnd in Gott auf ihre Früchte berufen und aufgrund ihrer Früchte als nährende Autoritäten wahrgenommen und ohne Zwang aufgesucht werden, ahnen den „Leerlauf“, der mit bestimmten Posten verbunden ist und sind auf fruchtlose Formen der Herrschaft nicht mehr scharf.

Die Frage nach dem eigenen Standpunkt...
Was nun halten wir von dieser Fabel? Pflichten wir ihr bei und möchten wir sie sofort weitererzählen? Oder gehören wir zu denjenigen, die laut rufen: Ja aber... und sie am liebsten verbergen? Ich meine: Unsere eigene Antwort sagt etwas darüber aus, wes Geistes Kinder wir sind.

Dürsten nach Gerechtigkeit und drei gute Fragen...
Die Fabel gibt jenen, die nach Gerechtigkeit dürsten, drei Fragen mit auf den Weg, anhand derer sie die ihnen überstellten Autoritäten prüfen können. Darin erweist sich die Fabel als genial, sie schlägt die Strategie des Dornbusches sozusagen mit seinen eigenen Waffen:

Erstens: Äußern die Autoritäten einen gespielten Zweifel, obwohl sie die Strategien ihres weiteren Vorgehens schon längst vor Augen haben (Strategischer Zweifel)?
Zweitens: Werben die Autoritäten mit Versprechungen, die sie nicht halten können oder werden? Locken sie mit etwas, was ihnen gar nicht innewohnt und/oder was sie gar nicht vorhaben, zu erfüllen?
Drittens: Beginnen die Autoritäten zu drohen, wenn sie merken, dass die in ihren dornig-engen Schatten Gedrängten aufmüpfig und kritisch werden?

Nun ist es zuweilen schwierig, zu durchschauen, ob eine Autorität Früchte bringt, ob sie wirklich nährt, heilt, stärkt und erfreut. Vor allem die erste und zweite Frage sind oft erst im Nachhinein zu beantworten, nämlich dann, wenn ein Dornbusch im übertragenen Sinne bereits zum König gesalbt ist. An Frage drei jedoch lässt sich unschwer erkennen, wes Geistes Kind eine Autorität ist. Sobald eine Drohung ins Spiel kommt, ist die dornig verletzende und gefährliche Enge im Schatten des Dornbusches nicht weit. Spätestens daran erkennen auch wir, an wen wir geraten sind.

Eine Fabel von messianischer Qualität...
In einer wie ich finde sehr schönen Auslegung wurde diese Fabel beschrieben als eine Fabel mit „messianischer Qualität“. Wenn man dieser Fabel glaubt (Sie beschreibt die Strategien der narzisstischen Autorität wirklich treffend!), dann darf nach dem Willen Gottes kein Dornbusch-König mehr kommen. Diese Art der Könige ist entlarvt. Die Dornbusch-Könige sollen keine Zukunft haben. Vermutlich entstand aus dieser brennenden und gerechtigkeitsliebenden Sehnsucht die Hoffnung auf einen König, auf einen Gesalbten, der von anderer Art ist, als die (narzisstisch) Herrschenden. Vermutlich entstand aus dieser Sehnsucht heraus die Hoffnung auf einen König, der nährt und heilt und stärkt und erfreut, reitend auf einem Esel wie seinesgleichen, ein Freund derer, die sich bisher immer in den verletzenden Schatten anderer hineinquetschen lassen mussten. Kleingehalten und bedroht. Wenn diese Fabel zu diesen Hoffnungen  angeregt hätte, dann hätte sie wirklich ein messianisches Format. Und sie hätte für uns die Qualität einer Gesellschafts- und auch einer „Kirchenanalyse“, die aus dem Heiligen Geist kommt. Als solche lese ich sie. Von einer solchen lerne ich.

Humfeld, den 28. Oktober 2020 Pn. Sabine Hartung

Monatsspruch für den Monat Oktober

„Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe lassen wegführen,
und betet für sie zum HERRN;
denn wenn‘s ihr wohl geht, so geht‘s auch euch wohl.“ 
(Jeremia 29,7)

 

Der Prophet Jeremia erhebt das Wort. Gemeinsam mit tausenden von Verbannten aus der Oberschicht, von den MitarbeiterInnen des Tempels, mit Priestern, hohen Beamten und Gebildeten musste er Jerusalem verlassen. Die Großmacht Babylon hat das kleine Land Israel verschlungen und Jerusalem dem Erdboden gleich gemacht. Der Tempel ist zerstört, die Mauern der Stadt sind geschleift, die Weinberge zertrampelt und die Gärten zerwühlt. Die Ölbäume brennen. Nichts ist mehr, wie es einmal war. Jeremia hat es vorausgesagt. Hat versucht, an Gott zu erinnern. Hat versucht, vor den falschen Koalitionen zu warnen und in aller Hoffnungslosigkeit zu einer Haltung zu verhelfen, die die Besetzung nicht verhindert, wohl aber die ganz kleine Chance in sich birgt, das Ausmaß der Zerstörung in menschenerträglichen Maßen zu halten. Jeremia wurde nicht gehört. Wie so viele nach ihm wurde er nicht erhört. Weil unbequem war, was er zu sagen hatte. Weil es Entscheidungen erfordert hätte gegen die eigene Bequemlichkeit und den eigenen Vorteil. Weil es gerade und aufrechte Menschen erfordert hätte, Menschen, die fest stehen zu dem, was das große Ganze nährt. Jeremia. Nun teilt er sein Schicksal mit denen, die ihn nicht hören wollten. Und wieder spricht er zu ihnen. Was für ein Mann. Er hätte lange schon allen Grund, zu schweigen. Jeremia spricht. Er kann nicht anders. Schweigt er von Gott, so ist ihm, als verbrenne sein Innerstes (Jeremia 20,9). Das kennt er von sich. Darum MUSS er reden. Er hat sie schreien gehört, die verbitterten und mutlosen Herzen derer, die mit ihm in die Fremde ziehen mussten. Verbitterung. Verunsicherung. Schmerz. Und in all dem die Hoffnung, dass einer zurechtrückt, was sie so chancenlos traf.
Nein, es geht nicht immer so zu, wie wir es uns erdacht haben, nicht für diejenigen, die mit uns leben und auch nicht für uns selbst. Zuweilen müssen wir uns arrangieren mit Umständen, die wir nicht zu verantworten haben, die sich ergeben aus den Verantwortlichkeiten anderer, die uns ereilen. Wir geraten hinein, weil Umstände sich ändern, weil Menschen kommen und gehen, weil Konstellationen, Allianzen und Koalitionen, weil Machtverhältnisse und Loyalitäten sich mit dem Wind drehen und verfärben. So hat es das kleine Volk Israel erlebt. Immer wieder wurde es zu einem Spielball der Mächtigen, hin und hergeworfen zwischen den Interessen der Großmächte, einmal der Joker als ein begehrter Koalitionspartner, und dann schon wieder der Schwarze Peter und Schuld an allem. Einmal interessant für einen der großen Nachbar-Könige und im nächsten Augenblick schon wieder fallengelassen und im Weg, hilflos bespielt durch die, die ihre Richtung ständig nach ihren Vorteilen ändern. Das kleine Land Israel weiß darum, was es heißt, zu einem Spielball zu werden, ohnmächtig aushalten zu müssen, was doch nicht zu ändern ist. 
Priester, Gelehrte und Menschen mit Weisheit und Bildung abgespalten und isoliert, um den Widerstand des kleinen Landes zu brechen, um seine Schönheit zu zerstören, um es als eine der großen militärischen Durchgangsstraßen von Nord nach Süd verfügen zu können und seinen Wiederaufbau zu verhindern. Die Weggeführten vermissen ihre Lieder. Ihnen ist das Liebste genommen. Ihre Herzen trauern um das Verlorene, trauern um die Schönheit der heiligen Stadt und ihrer Gottesdienste. Sehnsuchtsvoll leiden sie in der Fremde als Fremde in einer fremden Stadt. Für eine Zeit können sie nicht mehr singen. Und so hängen sie ihre Harfen in die Bäume. In dieser Zeit entsteht ein Lied tiefster Klage. Und es schwenkt anders als fast alle anderen Psalmen nicht in einem Stimmungswechsel zu Lob, Dank und Zuversicht um, nein. Es bleibt stecken in seiner Hilflosigkeit, in seiner Bitterkeit und mündet zuletzt in die Bitte um ein Zurechtrücken des erfahrenen Unrechts durch Gott selbst:

„An den Flüssen Babylons saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. Unsere Harfen hingen wir in die Weiden. Wir mochten zu unseren Liedern nicht mehr auf ihnen spielen. (...) Wie sollten wir des HERRn Lied singen in fremden Landen? Jerusalem, wenn ich dich je vergesse, soll meine rechte Hand verdorren. Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wo ich aufhöre, an dich zu denken, wenn ich irgendetwas lieber habe als dich, Jerusalem. (...) Gott segne den, der dir, Babylon, heimzahlt, was du uns angetan hast. “ (Psalm 137, 1+2.5+6.8b)

Oh, wie gut können wir sie verstehen, diese Bitte um ein Zurechtrücken unrechter und gewaltsamer Verhältnisse. Jeremia ist der Letzte, der das nicht nachvollziehen könnte. Die menschliche Seele braucht die Klage, die Hoffnung auf ein Gericht, das uns ins rechte Licht rückt, wenn unsere Würde verletzt wurde, wir brauchen diesen Gedanken. Jeremia weiß, dass das so ist und er weiß auch: Wir brauchen den Gedanken des Gerichts als einen Gedanken der Hoffnung auf Heilung und nicht als einen Gedanken der weiteren Zerstörung, auch wenn der Gedanke der Rache menschlich noch so nachvollziehbar ist. Eine Klage in der Fremde. Ja, es kann auch uns passieren, dass wir uns dort, wo wir einst zuhause waren, plötzlich wie Fremde fühlen. Handlungsunfähig gemacht. Ausgebremst. Wie fremd in einem fremden Land. Wir werden Opfer einer größeren Macht, fühlen uns ohnmächtig ausgeliefert an Umstände, denen wir wenig entgegenzusetzen haben, verlieren ein Stück von dem, was uns vertraut ist, was wir lieben, was selbstverständlich zu unserem Leben gehört. Und plötzlich sind wir ganz weit weg von dem, was uns so selbstverständlich war, weit weg von unseren Schönheiten, in Umständen gebunden, die wir so nicht auf uns zukommen sahen, weit weg von dem, was wir liebgewonnen haben, was uns vertraut ist, was zu unserer Identität gehört, auch zu unserer Identität im Glauben. 
Viele von uns haben das so erlebt, als wir am 13. März dieses Jahres unsere Kirchentüren verschließen mussten und erst am 10. Mai unsere Gottesdienste unter Einschränkungen wieder aufnehmen konnten. Wir haben unser Bestes gegeben, um mit den gegebenen Umständen umzugehen. In unserem Gemeindebrief können Sie, könnt Ihr etwas davon lesen und schauen. Ja, auch wir mussten in gewisser Weise unsere Harfen in die Bäume hängen und noch immer durften wir nicht zu unserem Gemeindegesang zurückkehren. Er fehlt uns. Unsere Lieder bleiben uns im Halse stecken, manch eine Stimme ist brüchiger geworden in den letzten Monaten, unsere Chöre nehmen zaghaft ihre Proben unter den gegebenen Vorgaben wieder auf. Wir sorgen uns. Um den Fortbestand unseres älter werdenden Kirchenchores. In diesem Jahr hätte er sein 75 jähriges Bestehen festlich begehen wollen. Jetzt scheint es, als habe er keine Lieder mehr. Der Prophet Jeremia nimmt die Trauer, die Bitterkeit, die Resignation und den Schmerz in den Klagen seiner Landsleute auf und dann tut er etwas sehr seelsorgerliches, etwas, was ihm vermutlich seine letzte Kraft gekostet hat. Jeremias Spuren, sie verlieren sich im babylonischen Exil. Seine Worte geben Kraft bis heute. Jeremia verweist die Hoffnungs-Entraubten in Babylon auf ihre noch verbliebenen Möglichkeiten: 
„Ihr dürft heiraten und Kinder bekommen, ihr dürft arbeiten und Euch bilden, Ihr dürft Häuser bauen und Gärten pflanzen. Ja, ich weiß, das alles ist NICHT Jerusalem. Ihr dürft euch versammeln und beten und singen und den Sabbat heiligen. Ja, ich weiß, das ist nicht Jerusalem und auch nicht das Feiern im Tempel. Und: Das alles ist da.“ (Je- remi- ja 29,2-6)
Das alles ist da. Jeremia lenkt den Blick der Verbannten auf ihre Chancen. Er weiß: Das ist ihr einziger Weg, in Bewegung zu kommen, in Bewegung zu bleiben, anstatt in Resignation zu erstarren. Ich habe oft an Jeremia denken müssen in den letzten Monaten. Und ich finde uns als Gemeinde wieder in seinen mutmachenden Worten. Wir haben der Stadt Bestes gesucht. Wir haben uns arrangiert. Wir haben überlegt, wie wir Dinge gestalten können, wichtige Dinge, sehr wichtige Dinge, wie zum Beispiel den Abschied von Ehepaar Herrmann oder das Dankeschön an die Andachtenausträgerinnen, unseren Kirchlichen Unterricht, die Angebote unserer offenen Jugendarbeit, den KiGoDi und auch unsere Konfirmationen. Wir haben gemeinsam nach Lösungen gesucht und Wege gefunden. Nein, das alles war und ist noch immer nicht so, wie wir es kennen und uns gewohnt ist. Es liegt an uns, ob wir unseren Blick auf Chancen und Möglichkeiten richten, oder ob wir an allem etwas auszusetzen haben und uns zurückziehen und verlieren in der Klage darüber, was nicht so ist, wie wir es gerne hätten. „Suchet der Stadt Bestes.“ Jeremia war ein kluger Gottesmann. Er hat seinen Landsleuten noch etwas geraten: „Betet für Babylon. Wenn es Babylon gut geht, dann geht es Euch IN Babylon gut, so gut, wie es eben geht in der Fremde. Nehmt das. Verspielt es nicht. Tut es für Euch.“ Jeremia fordert seinen Landsleuten einen Paradigmenwechsel ab. Einen Wechsel der Blickrichtung des eigenen Herzens. Diesen zu vollziehen, ist schwer. Dazu müssen wir uns zuweilen überwinden. Das IST schwer. Und es geht. Eine kleine Schar Menschen hat in den letzten Monaten getan, wozu Jeremia anregt: Sie hat gebetet. Im shutdown jeden (!) Tag mit Musik und Liedern in der Hillentruper Kirche. Diese kleine Schar hat nicht abgelassen. Über fast drei Monate hat sie nicht abgelassen. Sie hat gebetet nicht nur für die Menschen unserer Gemeinde, sondern für alle Menschen in Dörentrup, für die Menschen unseres Landes, für die Menschen dieser Welt. Sie alle müssen jetzt das Beste suchen. Beten, das scheint mir das beste Gegenmittel gegen Verschwörungstheorien und Schwarzdenker, gegen Hoffnungslosigkeit und depressive Rückzugstendenzen. Die kleine Schar bat für Menschen und die Gemeinschaft innerhalb und außerhalb unserer Gemeinden, sie horchte in die Stille und sie bekam unzählige Ideen und Antworten. Sie wird das weiterhin so tun. Beten und das Beste suchen. Und uns finden lassen von dem Gott, der uns ein Gott des Friedens sein möchte. (Jeremia 29,11-14). Wenn uns das gemeinsam gelänge, ja, dann wäre das wohl eine große Freude. Ich bitte darum, dass eben dies unter uns und für uns geschieht. Zum Wohle des Ganzen. Zur Freude aller. Für unsere „kleine Stadt“ Dörentrup. Für unsere Gemeinde. 
Und so grüße ich Sie und Euch in Verbundenheit, Ihre/Eure Pn. Sabine Hartung.

 

„Und er wollte lange nicht...“ - Gedanken zu Lukas 18,1-8

 

Lässt Gott sich bitten?
Lässt Gott sich belästigen?
Lässt Gott sich bedrängen?
Die Erzählung des Lukasevangeliums von der bittenden Witwe lehrt uns: Gott lässt nicht nur. Wir müssen es auch. Wir müssen ihn bitten, drängen, belästigen. Ja, es ist schier unsere Pflicht. 
Arm ist die Witwe, mittellos, ohne Einfluss. Allein. Sie sucht den ungerechten Richter auf. Arrogant und überheblich achtet er weder Gott noch Menschen. Dennoch behaftet sie ihn bei seinem Richteramt. Es ist ihre letzte Chance. Sie bittet. Sie drängt. Sie belästigt. Sie fällt zur Last. Sie behaftet den Richter bei seinem Anspruch, Richter zu sein. Sie heftet ihn buchstäblich darauf fest. Gegen den Richter spielt sie den Richter aus. Lange will er nicht. Doch dann spricht er ihr Recht. Gegen alle Erwartung. Weil er ihr Drängen nicht länger ertragen möchte. Weil er eine Ohrfeige vermeiden möchte. Er spricht ihr Recht und wird die Lästige los... weiterlesen

Lost. Verloren und gefunden.

Viele Familien bleiben zuhause oder suchen sich „kleinere“ Urlaubslösungen in Deutschland oder auch ganz in der Nähe. Hauptsache einfach einmal raus... 
Wir möchten Sie und Euch in dieser Andacht noch einmal mit hineinnehmen in unser Erleben mit den Jugendlichen am vergangenen Samstag... weiterlesen

 

Lass eine gute Spur zurück

„Alle diese Zeugen umgeben uns wie eine Wolke.
Sie spornen uns an.
Darum lasst uns durchhalten in dem Wettlauf, zu dem wir angetreten sind.
Lasst uns ablegen, was uns daran hindert.
Vor allem das, was uns von Gott trennt und uns so leicht umgarnt.“ Hebräer 12,1

Humfeld, den 9. Juni 2020

Liebe Leser und Leserinnen unserer Wochenandachten,
vielleicht haben Sie es in unserem neuen Gemeindebrief bereits gelesen: Wir haben wieder begonnen, unsere Gottesdienste zu feiern. Immer noch vermissen wir unser gemeinsames Singen schmerzlich. Wir bemühen uns sehr, unsere Gottesdienste als einen kleinen Trost musikalisch so vielfältig wie möglich zu gestalten. Unsere Musiker haben sich hierfür in den letzten vier Wochen treu und engagiert eingebracht. Hierfür sagen wir sehr herzlich: Danke. Wir haben zu unseren Wochenandachten viele positive Rückmeldungen bekommen. Und so habe ich mir überlegt, dass ich weiterhin Wochenandachten für Sie und Euch schreiben werde. Ab dieser Woche werden wir sie Ihnen und Euch in einem zweiwöchigen Rhythmus zukommen lassen. Unsere pastoralen Aufgaben nehmen uns zunehmend wieder ein. Sitzungen haben stattgefunden. Die Hillentruper Konfirmanden-Gruppe hat letzte Woche entschieden, dass sie ihre Konfirmation allen Umständen zum Trotz in diesem Jahr am 20. September feiern möchte. Ob wir zu diesem Zeitpunkt singen dürfen, oder nicht, ob wir weiter Abstand halten müssen, oder nicht: Am 20. September werden wir hören, wie 19 Jugendliche ihre Konfirmationsfrage beantworten und Gottes Segen empfangen. Unsere gemeinsame Unterrichtszeit wird dann zu Ende gehen. Mit drei kleinen Gottesdiensten haben wir nach dem shutdown unseren Endspurt Richtung Konfirmation begonnen. Unseren ersten Konfi-Gottesdienst unter der Überschrift „Und sie ließen ihre Anklagen fallen....“ haben wir mit Ihnen und Euch geteilt. „Lass eine gute Spur zurück!“ - unter dieser Überschrift feierten unsere KonfirmandInnen am 30. Mai 2020 einen Gottesdienst in der Hillentruper Kirche. Sie hörten die folgende kleine Geschichte. Ein Mann erzählt von seinem Traum:

Ich träumte eines Nachts, ich ging mit Gott am Meer entlang. Feucht fühlte der Sand unter meinen Füßen sich an, feucht und kühl vom Wasser des Meeres. So gingen wir und hinterließen Spuren im Sand. Und während wir so gingen, entstanden am Himmel bewegende Bilder meines Lebens. Wie auf einer großen Leinwand hoch über dem Horizont stiegen sie auf, um sich für einen Augenblick zu zeigen, wieder zu verblassen und in das nächste Bild überzugehen. Die Liebe meiner Eltern. Ihre Freude zu meiner Geburt. Meine Kindheit. Meine ersten Schritte.

Ganz viele Kinder. Und ich mittendrin. Einschulung mit Schultüte und einem grünkarierten Kleid. Freundschaften fürs Leben. Schule, Spielen und auch Pflichten. Meine erste Beerdigung. Ich war neun. Das Meerschwein Dori war gestorben. Es gab einen Trauerzug. Wir waren viele. Es gab Kuchen mit Limo. Und einen Stein. Aufwachsen. Rauswachsen aus den Kinderschuhen. Mein erster Freund. Nur das Halten unserer Hände. Noch zu schüchtern für einen Kuss. Schön. Die Schule abgeschlossen. Berufsentscheidungen. Lernen dürfen. Menschen begegnen. Heimat finden an ganz unterschiedlichen Orten. Hineinwachsen in Aufgaben. Prüfungen. Zweifel. Angst. Stolz. Unsere Hochzeit. Es war Herbst. Wir standen in einem goldenen Licht. Meine Familie. Sie trägt ihre Lasten tapfer. Sie macht es sich nicht immer einfach. Und ist darin doch ganz liebenswert. Älter werden. Sich entwickeln. Reif werden. Unerfüllten und unerfüllbaren Sehnsüchten nicht mehr nachjagen. Loslassen. Akzeptieren. Anderen zu einem Zuhause werden. Zu einer Umarmung. Einfach so. Bedingungslos. Ohne unnötige Fragen. Reine Liebe sein für einen Augenblick. Sich verschenken. Krank werden. An die eigenen Grenzen gestoßen. Gesund geworden. Es gab auch Krisen. Unbeschreiblich tiefe Enttäuschungen. Verrat und Verleugnung. Benutzt und fallengelassen. Es gab Wunden. Und Narben. Und manchmal scheinbar keinen Weg. Und am Ende ein zaghafter Blick hinüber ins Licht. Dankbarer geworden von Tag zu Tag. Verbitterung überwunden. Heil geworden vom Himmel her. Meine eigene Endlichkeit zu einem besten Freund gewonnen. Das alles sah ich. Dort oben am Himmel. Streiflichtern gleich. Als das letzte Bild an uns vorübergeglitten war, schaute ich den ganzen langen Weg noch einmal zurück. Ich sah Spuren im Sand. Und ich hielt inne. Noch einmal schaute ich verwundert hin. Nein, ich täuschte mich nicht: In den schwersten Zeiten meines Lebens war nur eine Spur im Sand zu sehen. Das verwirrte mich. Ich schaute Gott an und sagte: „Als ich dir damals, alles, was ich war, konnte und hatte, übergab, um dir zu folgen, da hast du mir versprochen, du würdest immer bei mir sein. Jetzt schaue ich zurück und sehe in den schwersten Zeiten nur eine Spur im Sand. Wo warst du, als ich dich so verzweifelt brauchte?“ Da nahm Gott meine Hand. Sanft. Fest. Und er sagte: „Geliebtes Kind. Nie ließ ich dich allein. Wo du nur eine Spur im Sand erkennst, sei ganz gewiss, da habe ich dich getragen.“

Eine kleine Geschichte für unsere KonfirmandInnen. Sie waren ganz still. Dann sangen wir ein Lied: Ich möcht, dass einer mit mir geht, / der`s Leben kennt, der mich versteht. / Der mich zu allen Zeiten kann geleiten. / Ich möchte, dass er auch mit mir geht.

Und dann fing ich noch einmal an zu erzählen. Die Geschichte von der Geschichte. Sie ist wirklich passiert. So, wie ich sie erzählte, ist sie wahr. Und groß und tief. Es war am 17. Dezember 2004. Es war ein Dienstag. Meine Mutter rief an. Sie musste gar nichts sagen. Ich wusste es sofort. Hatte ich doch im Zuge einer großen Enttäuschung am Vortag in einem Telefonat gesagt: „Alle lassen mich hier im Stich. Meine Kirche. Menschen, die ich liebe. Und du stirbst auch.“ Es war mir so herausgerutscht. Weil ich so verzweifelt gewesen war. Und bereits in dem Augenblick, in dem diese Worte meinen Mund verließen, taten sie mir unsagbar leid. Sie schwieg. Ganz tief. Große Liebe kann so schweigen. Nur eine Tag später war es geschehen. Ich wurde hinweggespült von einer Welle aus Schmerz. Wir sind dann sofort losgefahren. 180 Kilometer. Als wir ankamen, lag meine Großmutter auf ihrem Bett. Ich habe mich zu ihr gesetzt. Lange, lange saß ich bei ihr. Zwei Stunden. Vielleicht auch länger. Sie war mir so vertraut. Und zugleich so fremd. Auf ihrem Nachttisch stand diese italienische Lampe mit dem Porzellanfuß und dem rosa Samtschirm. Am Porzellanfuß der Lampe lehnte eine Postkarte. Ich hatte meiner Großmutter diese Karte einmal geschenkt. Auf der Karte stand die Geschichte von den Spuren im Sand. Meine Großmutter kannte diese Geschichte von ihrer Jugend an und sie hatte sie immer gesucht. Ich hatte sie für sie gefunden und hatte sie ihr „geschenkt“. Ich hatte die Karte seinerzeit nicht beschriftet. Jetzt war es mir, als schaute die Karte mich an, als spräche sie mit mir: Nimm mich! Und so stand ich auf, nahm sie hoch und schaute auf ihre Rückseite. Da stand in der Handschrift meiner Großmutter: „Dieser Spruch hat mich immer begleitet.“ Ich musste weinen. Viele, viele kamen an diesem Tag. Und auch sie mussten weinen. Auch die Haushaltshilfe meiner Großmutter nahm Abschied in diesen Stunden. Ich zeigte ihr die Karte. Da sagte sie: „Ich habe hier gestern noch Staub gewischt. Die Karte fiel mir um und ich schaute auf ihre Rückseite. Ich bin mir sicher: Da stand nichts drauf. Die Karte war leer.“

Wir vermuten: Sie hat in diesen Tagen geahnt, dass sie sterben würde. Irgendwann in ihren letzten Stunden hat sie die Karte beschriftet. Wie einen Segen. Wie ein Vermächtnis. Als wolle sie sagen: „Wenn ich gegangen bin, dann habt Ihr noch diese Geschichte. Nehmt sie und geht damit durch Euer Leben. Und wenn es Zeit ist, dann gebt sie weiter, so wie ich sie an Euch wei- tergegeben habe.“ Meine Großmutter hatte Gottes Spuren in ihrem Herzen. Als Kind ging sie bei den Schwestern des Diakonissenmutterhauses in Kaiserswerth in den Kindergottesdienst. Sie war der großzügigste Mensch, der mir je begegnet ist. Sie konnte Menschen durchschauen. Sie konnte Menschen lesen. Das war ihre große Gabe. Sie tat das immer in Liebe. Sie hat uns geprägt. Und als es Zeit wurde, da hat sie uns etwas hinterlassen, was bleibt. Ein Stück Ewigkeit. Zum Weiterverschenken. Um die Spuren zu lesen, die andere in uns hinterlassen. Menschen prägen einander nicht immer zum Guten. Gottes Spuren in uns: Sie helfen uns, zu unterscheiden, wer uns gut tut und wer nicht. „Gott hat in den letzten anderthalb Jahren Spuren in Euren Herzen hinterlassen. Ihr habt Geschichten, Texte, Gebete, Symbole, die Perlen des Glaubens, Wegsprüche, das Labyrinth. Ihr habt Lieder. Ihr habt unsere gemeinsame Zeit und die Art und Weise, wie wir miteinander umgegangen sind. All das ist da. Es ist in Euch. All das hat Gott in Euch hineingelegt. Wir wünschen Euch, dass ihr das für Euch nutzt. Es wird euch helfen, zu unterscheiden: Wer oder was ist gut für mich? Wer oder was bringt mich näher zu Gott? Wer oder was tut mir nicht gut? Wir wünschen Euch, dass Ihr am Ende sagen könnt: Ja, ich habe eine gute Spur zurückgelassen mit meinem Leben, in anderen Menschen, in dieser Welt.“

Und dann durften sich unsere Konfirmandinnen einen Umschlag mit ihrem Namen vom Taufstein für sich mitnehmen. In dem Umschlag war die Geschichte meiner Großmutter. Auf einer Postkarte. Versteht sich. Und mein Lieblingsfoto von jedem und jeder einzelnen. Und auf der Rückseite des Fotos ein Satz: Lass eine gute Spur zurück. Auf dem schmiedeeisernen Einsatz des Taufsteines brannte eine Kerze. Johannes Neugebauer spielte uns ein Lied: „Ins Wasser fällt ein Stein, / ganz heimlich, still und leise. / Und ist er noch so klein, / er zieht doch weite Kreise. / Wo Gottes große Liebe / in einen Menschen fällt, / da wirkt sie fort / in Tat und Wort / hinaus in unsere Welt.“

Sie kamen sehr leise nach vorn. Beinahe andächtig. Ich denke: Sie haben uns verstanden. Diese kleine Zeit am Taufstein war für jeden und jede von Ihnen etwas Besonderes. Und wer weiß...: Vielleicht werden sie die Karte in Ehren halten. Wir haben ihnen auch das gewünscht. Dass sie sie hüten wie einen kostbaren Schatz. Dass sie mit ihrer Geschichte leben. Und die Karte irgendwann wieder aus ihren Händen geben. Dann, wenn es Zeit wird, weil sie beginnen, hinüberzuschauen ins Licht. So, wie meine Großmutter es tat an diesem Morgen, als sie sehr weise und tapfer verstand, was mir verzweifelt über meine Lippen ging und als sie aus Liebe zu mir so tief schwieg. Als sie die Karte beschriftete in ihrer letzten Nacht, um sie an den Porzellanfuß dieser italienischen Lampe zu lehnen, die ich Zeit meiner Kindheit nie als besonders schön erachtete und die mir mit ihrem letzten und wichtigsten Auftrag noch einmal zu einer ganz besonderen Lampe wurde.

Unser Leben: Es ist doch eines der Wundersamsten. Unsere Hillentruper KonfirmandInnen sind jetzt geheimnisvoll verbunden mit den längst verstorbenen Schwestern des Diakonissenmutterhauses in Kaiserswerth. Und sie ahnen es nicht. Sie sind jetzt eingebunden in die Wolke der Zeugen von Generation zu Generation, immer schon dagewesen, wachsend und sich aneinander freuend. Wie eine Spur von Licht durch alle Zeiten von den Urvätern des Glaubens an, über Richter, Propheten, Könige und Weise, über die Gelehrten der Schrift, über Frauen und Männer, Alt und Jung, zerbrochen und geheilt, über alle, die dem menschgewordenen Gott je folgten, von ihm erzählten und sich an ihn hielten. Durch die Jahrtausende hindurch. Die Wolke der Zeugen, sie umhüllt uns, ganz gleich, wie es auch aussehen mag in uns und um uns herum. Sie birgt uns und schützt, sie nimmt unseren Feinden ihre Sicht auf uns und hüllt uns sicher ein. Sie zeigt uns den Weg am Tag, sie geht uns voraus. Nachts beginnt sie zu leuchten. Sie nimmt uns die Angst und vertreibt, was aus dem Dunkel nach uns greift und uns an sich ziehen möchte. Nein, wir dürfen nie vergessen, wo wir herkommen. Und wir dürfen nie vergessen, wer uns umgibt. Die Wolke der Zeugen, sie ist da. Und wir gehören hinein. Als diejenigen, in die Gott sich unauslöschlich eingeprägt hat. Als diejenigen, die gute Spuren hinterlassen und anderen ins Licht helfen. Dazu segne uns Gott. Und unsere KonfirmandInnen. Heute. Morgen. Und für die Ewigkeit.

Und so grüße ich Sie und Euch in Verbundenheit
auch im Namen meines Kollegen Pfr. Stephan Schmidtpeter, Ihre/Eure Pn. Sabine Hartung

Gottes-Zeit feiern von Zuhause

Sonntags um zehn Uhr läuten die Glocken. Für ein paar Minuten steigen wir aus. Setzen uns zusammen. Entzünden eine Kerze in unserer Mitte. Erleben gemeinsam eine kleine Gottes-Zeit. Dazu brauchen wir nur uns selbst, eine Kerze und diese kleine Liturgie.

Eine(r):
Im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen ENTZÜNDEN EINER KERZE

Eine(r) zusammen:
Jesus Christus spricht: „Überall dort, wo zwei oder drei im Schutz meines Namens zusammen kommen, da bin ich mitten unter ihnen.“

KURZE STILLE

Jede(r) für sich:          
Was war schön in der vergangenen Woche? 
Was muss ich loslassen, weil es nicht zu ändern ist? Wo möchte ich mich verändern lassen?
An wen muss ich besonders denken?
Was wünsche ich mir für die nächste Woche?

Alle (abwechselnd?):
Gott, Freund des Lebens, Lebenskraft, besuche du die, die sich jetzt einsam fühlen. Deine Liebe umhülle sie zart. Stärke die, die jetzt für andere sorgen. Gib ihnen Geduld. Gib ihnen Kraft. Erhelle die, die jetzt entscheiden. Mach sie ganz klar. Schenke Mut. Ermahne die, die immer noch verharmlosen. Schenke Einsicht.
Wo wir nicht helfen können, halte unsere Hoffnung offen auf deine Zukunft hin.
Wo das Ganze uns übersteigt, lass uns im Kleinen beginnen. Sei unser Licht in dieser Woche. Zeige uns, was wir tun können. Zeige uns, wer wir sein können. Für uns und die, die mit uns leben.
Vaterunser im Himmel...

Segen (abwechselnd?):
Der Herr sei vor dir, um dir den rechten Weg zu zeigen. Der Herr sei neben dir, um dich in die Arme zu schließen und dich zu schützen.
Der Herr sei hinter dir, um dich zu bewahren vor der Heimtücke böser Menschen.
Der Herr sei unter dir, um dich aufzufangen, wenn du fällst, und dich aus der Schlinge zu ziehen.
Der Herr sei in dir, um dich zu trösten, wenn du traurig bist. Der Herr sei um dich herum, um dich zu verteidigen, wenn andere über dich herfallen.
Der Herr sei über dir, um dich zu segnen.
So segne dich der gütige Gott. Amen

DAS LICHT DER KERZE WIRD GELÖSCHT